Posts Tagged ‘Zentralrat der Juden in Deutschland’

Und welchen Namen hat der Zentralrat?

Mittwoch, April 18th, 2012

Vom 24. bis zum 27. März fand in Washington, D.C., die nationale J Street-Konferenz statt. Geladen war unter anderem der palästinensische Sozialdemokrat Mustafa Barghouti, der vor einer überwiegend jüdischen Audienz über die Zweistaatenlösung und deren Unmöglichkeit referierte und dabei klare Worte verlor:

„What is apartheid? Apartheid is a system where you have two laws, two different laws, for two people living in the same area. If you don’t like the word apartheid, give me an alternative to a situation where a Palestinian citizen is allowed to use no more than 50 cubic meters of water per capital year, while an Israeli illegal settler from the West Bank is allowed to use 2400.“1

Was gab es für einen Aufschrei, als Sigmar Gabriel auf seinem Facebookprofil Hebron mit der Apartheid gleichsetzte. Sofort schaltete sich Graumann ein und Gabriel ruderte schnellstmöglich zurück. Auch die Jüdische Allgemeine, Sprachrohr der israelischen Rechten, echauffierte sich innerhalb kürzester Zeit über Gabriel. Aber wie nennt denn der Zentralrat die Siedlungsaktivitäten, das Straßensystem, das Plündern der Ressourcen und des Wassers, den Landraub, der schon 40% des Westjordanlandes umfasst sowie das getrennte Rechtssystem, was Palästinenser unter Militärrecht stellt, die 500.000 Siedler jedoch, obwohl außerhalb Israels, unter israelisches Recht? Welcher Name wäre denn angebracht, Herr Graumann?

  1. Ein Auszug seiner Rede ist hier zu lesen: http://mondoweiss.net/2012/04/barghouti-to-u-s-jews-i-know-you-dont-like-the-word-apartheid-but-what-do-you-call-a-system-that-gives-a-settler-50-times-more-water-than-a-palestinian.html; die gesamte Rede kann auch als Video angeschaut werden: http://conference.jstreet.org/2012videos []

Stephan Kramer: Ein fleißiger Schüler Scharons

Montag, August 22nd, 2011

Generalsekretär Stephan Kramer warnt in einer der neuesten Presseerklärungen des Zentralrats der Juden in Deutschland eindringlich vor einem sich ausbreitenden Antisemitismus:

“Der Antisemitismus globalisiert sich zunehmend und ist heute ein weltweites Problem, dem man auf jüdischer Seite auch weltweit begegnen muss. Es reicht nicht aus, wenn nationale Organisationen sich gegen die unterschiedlichen Formen des Antisemitismus und die Delegitimierung Israels (!) zur Wehr setzen.“

Wie richtig Kramer hier liegt: angefangen beim rassistischen Mob in Ungarn und Rumänien, den sich in Westeuropa mehr und mehr etablierenden neuen Rechtsparteien, über den expandierenden christlichen und den nicht minder florierenden islamistischen Fundamentalismus bis hin zum teilweise ins Obskure abdriftenden Philosemitismus junger deutscher Akademiker mit ihren Reisen in das gelobte Land, ihrem Beklatschen israelisch-„jüdischer“ Panzer und ihrem Drang nach Vollziehung des  Geschlechtsakt mit dem ehemaligen „Feind“ (zu den feuchten Träumen dieser Sorte Antisemiten siehe Moshe Zuckermann). Der Antisemitismus, eigentlich weltweit auf so niedrigem Stand wie nie zuvor, treibt wieder überall und in den unterschiedlichsten Gestalten seine furchtbaren Blüten. (mehr …)

Der Zentralrat macht sich Sorgen um Mubarak

Sonntag, Januar 30th, 2011

Auf Handelsblatt.com warnt Charlotte Knoblochs Nachfolger Dieter Graumann davor, dass Ägypten ins Chaos verfällt und darum Israels „Sicherheit“ gefährdet sei. Das würde mir natürlich auch gleich als erstes einfallen, wenn tausende von Menschen gegen ein repressives, Jahrzehnte altes Regime aufbegehren. Die Situation in Ägypten zeige zudem, dass Israel als einzige Demokratie Stabilität für die Region bedeuten würde:

Angesichts der immer heftiger werdenden Proteste in Ägypten warnt denn auch der Zentralrat der Juden in Deutschland vor möglichen Konsequenzen für die Sicherheit Israels. „Generell vergrößern neue Instabilitäten in der Region die Risiken“, sagte der Präsident des Zentralrats, Dieter Graumann, Handelsblatt Online. Eine neue Hisbollah-Regierung im Libanon, der blutige Dauerkampf zwischen Hamas und Fatah, das sei schon schwierig genug. „Und Ägypten in Aufruhr – eine neue Unsicherheit.“ Um so mehr sei zu würdigen, „dass Israel eine stabile Oase der Demokratie in der Region ist“, so Graumann.1

Will heißen: Die Diktatoren in den Nachbarländern passen der rechten Regierung in Israel und anscheinend auch dem Präsidenten des Zentralrats besser, weil sie beim Siedlungsbau, bei der Annexion und Besatzung nicht so störend sind bzw. die gleichen Interessen verfolgen. Zum Beispiel indem sie Gaza abriegeln (Ägypten), den Flüchtlinge elementare Rechte vorenthalten (Libanon) oder die Mehrheit der Bevölkerung in Schach halten (Jordanien). Diese Staaten mit ihren mehr oder minder brutalen Regime haben ebenfalls ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Situation im Westjordanland und Gaza, weil sie damit immer von der eigenen Repression ablenken können. Ägypten, Jordanien und (ja, auch) der Libanon ergänzten sich bisher ausgezeichnet mit Israel, wenn es darum ging Palästinenser unmittelbar oder mittelbar nieder zu halten.
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  1. „Ägypten-Unruhen stürzen Obama in ein Dilemma“Handelsblatt.com, 28. Januar 2011 []

Friedländer, Einstein und Grosser

Dienstag, November 9th, 2010

Die ‚Affaire‘ um Grosser hat es auch über den Großen Teich geschafft. So berichtete gestern unter anderen die New York Times über den Angriff des Zentralrates auf Grosser. Nachdem auch Emmanuel Nahshohn, der israelische Gesandte in Berlin, Grosser als „unmoralisch“ und „selbsthassend“ bezeichnete, stellt Silverstein diesen dagegen in eine Reihe mit Friedländer und Einstein. „Israeli Diplomat Calls Holocaust Survivor ‘Immoral’, ‘Self-Hating’“ – Tikun Olam, 9. November 2010

Gedenken an Reichspogromnacht ohne den Zentralrat?

Montag, November 1st, 2010

In der Paulskirche in Frankfurt a.M. wird am 9. November dem 72. Jahrestag der Reichspogromnacht gedacht. Sprechen wird der aus Deutschland vertriebene Soziologe und ehemalige französische Widerstandskämpfer Alfred Grosser, der sich nicht nur jahrzehntelang für die Aussöhnung zwischen den  beiden Feinden einsetzte, sondern sich auch für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern verdient gemacht hat. Dies fordert natürlich den Zentralrat heraus. Petra Roth, die Bürgermeisterin der CDU, hat es indes auch vergessen, den Zentralrat um seine Zustimmung zu dieser Einladung zu bitten. Denn Grosser gehört gerade zu den europäischen Juden, die nicht für einen allzu blinden Gehorsam gegenüber der israelischen Politik bekannt sind.1

Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates, Hobbybellizist und großer Fan von Nazivergleichen, hält es dann auch „von einer Stadt, die Bubis angeblich in ihr Herz geschlossen hat, für pietätlos, Alfred Grosser an diesem Datum und an diesem Ort sprechen zu lassen“. Grossser, so zitiert die Frankfurter Rundschau Kramer, vergleiche seit Jahren den Holocaust mit der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung. Dies disqualifiziere ihn als Gastredner. Darüber hinaus habe sich Grosser ausdrücklich hinter die Kritik des Schriftstellers Martin Walser an der „steten Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus“ gestellt. 2

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  1. vgl. zum dazu das sehr lesenswerte Interview in der taz: http://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/04/04/a0130 []
  2. http://www.fr-online.de/frankfurt/ein-unbequemer-redner/-/1472798/4789740/-/index.html []

Eine jüdische Tanzgruppe, der Zentralrat und der Antisemitismus

Dienstag, Juni 29th, 2010

Während eines multikulturellen Stadtteilfestes am letzten Wochenende in Hannover-Sahlkamp beleidigten einige Kinder und Jugendliche die Mitglieder einer jüdischen Tanzgruppe in antisemitischer Weise und bewarfen sie mit Kieselsteinen. Eines der Mitglieder soll dabei leicht verletzt worden sein. Die Presse überschlug sich sofort darin, „muslimische“ und vor allem „arabische“ Jugendliche für diesen Vorfall zur Rechenschaft zu ziehen.1 Abgesehen davon, dass es eine Menge christlicher Palästinenser und Libanesen gibt und diese Kinder und Jugendliche vielleicht nicht einmal religiös sind, vermisst man in dieser sich allseits überschlagenden Anklage gegen den Islam vor allem eines: Eine Erklärung, warum es zu einem solchen antisemitischen Ausbruch kam. Die will ich auch nicht in Gänze liefern. Aber ein Konflikt ist selten einseitig. Und in diesem Fall macht es sich die Presse zu leicht, wenn sie guten Gewissens den althergebrachten klassischen Antisemitismus des Westens auf diese rassistische Tat anwendet. Denn sie vergisst dabei eines: In Nahost herrscht seit Jahrzehnten Krieg. Und sowohl Krieg als auch Rassismus sowie die unkritische Unterstützung beider fördert – was für eine Überraschung – rassistische Feindbilder.

Ein Blick auf den Zentralrat

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Stephen Kramer machte seinem schon ziemlich angeschlagenem Ruf ganze Ehre. Auf der Berliner Kundgebung am 13.6.2010 zur Verteidigung der Verbrechen der israelischen Armee und ihrer sie befehligenden Regierung während des Channuka-Massakers 2008/2009 und des erst kürzlich zurückliegenden Blutbades auf der sog. Freedom Flotilla, nutzte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland die Gunst der Stunde, um gegen Dialog und Frieden aufzustehen.2 Anders, so leid es mir tut, kann man diese Ausblendung der Realität einfach nicht mehr nennen. Die Parteilichkeit, Fälschung und pathologisierende Hetze waren von solcher Heftigkeit, dass sie Widerspruch dringend benötigen.3 Und dies vor allem, weil Kramer hier als politischer Funktionär auftritt. Man darf bezweifeln, dass alle jüdischen Teilnehmer an dieser Kundgebung4 einen solchen Einblick in den Nahostkonflikt haben, wie ihn Kramer und die politische Elite des Zentralrats und der anderen Organisationen vorweisen können. Oder darf man da auch sagen: „Sollten“? Es bedarf bei einer solchen Brandrede zweier klarer Betrachtungsweisen. Zuerst sollte man über die Lügen reden.5 Denn nicht nur die ideologische Brille bringt ein einfaches Mitglied der Gemeinde dazu, für die repressive und blutige Politik des Staates Israel auf die Straße zu gehen. Auch eine vorsätzlich von der Gemeindeführung vorgebrachte Tatsachenverdrehung hilft dieser Parteinahme nicht ganz von ungefähr. Darum muss man sich mit beiden auseinandersetzen. Denn es ist Zeit mit einer solchen Politik zu brechen, so wie es vielerorts mehr und mehr geschieht. (mehr …)

  1. http://www.welt.de/die-welt/politik/article8161606/Steinwuerfe-auf-juedische-Tanzgruppe-schockieren-Hannover.html oder http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,702719,00.html []
  2. Nachzulesen auf http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3010.html []
  3. Kramer durfte seinen Beitrag auch noch in ähnlicher Weise bei der taz veröffentlichen. Läuterung der Pohl wegen ihres Eintretens für Hefet? http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/feiger-hass/ []
  4. Schätzungsweise die Hälfte und manchmal mehr sind in der Regel keine Juden, sondern obskure Gruppen und Grüpplein aus dem rechten und „linken“ Spektrum, und ein nicht ganz unbeträchtlicher Teil philosemitische Christen. Die anderen Beteiligten dieses Aufmarsches: C-Prominenz wie Klaus Faber (ehemaliger Staatssekretär, publiziert bei „Die Achse des Guten“), Avi Efroni (Berliton.de), Jörg Rensmann (Die Achse des Guten), Ralf Schumann (Scholars for Peace in the Middle East) und Melody Sucharewicz (ehemalige „Sonderbotschafterin Israels“). []
  5. Der Inhalt soll heute einmal nicht der Schwerpunkt dieses Beitrags sein. []

Generalsekretär des Zentralrats Kramer kritisiert die deutsche Medienlandschaft

Montag, Mai 24th, 2010

Im Focus wurde vor einer Woche Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, interviewt. Laut sueddeutsche.de nutzte er dies für einen Rundumschlag und warf neben rechtsradikalen Medien auch der restlichen Presselandschaft Deutschlands, von der jungen welt, über das ND, der taz, dem Tagesspiegel bis zur FAZ, Antisemitismus bzw. antisemitische Inhalte vor.1 Ob man nun vereinzelte Inhalte dieser Zeitungen als antisemitisch bezeichnen könnte, das soll einmal dahingestellt sein. Es gibt sicherlich in jeder dieser Zeitungen Artikel, die nicht ganz koscher sind.  Allgemein würde ich aber sagen, dass die deutsche Presse im großen und ganzen der deutschen Staatsräson folgt. Von der Undenkbarkeit, sich in unverhohlener Judenfeindlichkeit zu ergehen, ganz zu schweigen.

Die Reaktion in der Presselandschaft war denn auch eher verhalten. Neben abwehrende Kommentaren gab es allerdings auch bösen Spott, der hart an der Grenze war, Antisemitismus zu relativieren. Der unglaublich inflationäre und unangebrachte Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs, der sich vor allem gegen jene richtet, die sich gegen Krieg und Besatzung wenden, hat dazu geführt, dass niemand mehr Antisemit ist, wenn es doch alle sind.

Das aktuellste und ziemlich bittere Beispiel dafür, wohin uns diese Antisemitismusvorwürfe aus dem Block der Apologeten Israels heute schon gebracht haben, ist die Replik auf Kramer im Tagesspiegel. Diese sollte man sich schon einmal der Gänze nach geben und man wird sich erschrecken, wie hämisch und respektlos die Warnung des Generalsekretärs erwidert wird. Und das alles einen Tag nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Worms, auf den die Reaktionen mit Ausnahme der sofort einsetzenden Hetze, es seien sicherlich Linke oder linke Palästinenser gewesen, ebenfalls sehr verhalten waren. Und zwar nicht nur in den bürgerlichen Medien, sondern vor allem bei jenen, die an jüdischen Dissidenten immer gleich den Hitlerbart sehen wollen. Das alles lässt nichts Gutes für die Zukunft erwarten.

  1. Das Focus-Interview ist leider nicht online zu lesen, es gibt nur eine Zusammenfassung. []

Charlotte Knobloch: Die neuen Nazis sind Linke und Muslime?

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Die Zentralratsvorsitzende hat (wieder einmal) die (deutschen) Linken und die muslimischen Jugendlichen als die besseren Rechtsextremisten ausgemacht. Welt Online schreibt unter dem schlagkräftigen Titel „Knobloch warnt vor linkem Antisemitismus“ als Einleitung zu einem Interview:

Gerne wird in linken Kreisen Kritik an Israel geübt – oft aus antisemitischen Motiven, wie die Präsidentin des Zentralrats der Juden warnt. Auf WELT ONLINE spricht Charlotte Knobloch auch über die Konflikte mit dem Vatikan und wehrt sich gegen Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamophobie.

Wer dieses liest, der ist natürlich darauf gespannt, was für „antisemitische“ Gründe denn die linken Kreise haben könnten, wenn sie Israel kritisieren. Und – den Katholizismus mal beiseite gelassen, der interessiert mich im Moment nicht – warum soll man nicht Antisemitismus und anti-muslimischen Rassismus vergleichen können? Wo soll das Problem sein Gemeinsamkeiten  und Unterschiede aufzuzeigen? Übrigens eines der grundlegenden Prinzipien der Wissenschaft. Man erhofft also einiges von der Einleitung.

Nur kurz oder eher gar nicht wird auf den Antisemitismus in der extremen Rechten eingegangen, der der Mitte wird gar nicht erwähnt. Und schon spricht Knobloch über den wachsenden Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Hier ist erst einmal Vorsicht geboten. So hegen rund 15 Prozent der jungen Türken und Araber laut einer vor einiger Zeit von der Amadeu-Antonio-Stiftung veröffentlichten Studie latente oder offene antisemitische Vorurteile. Keine Frage, unter anderem auch aufgrund des anhaltenden Konflikts in Nahost grassiert eine ernst zu nehmende anti-jüdische Stimmung unter diesen jungen Muslimen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage: Und die anderen 85 Prozent? Angesichts eines latenten und virulenten Antisemitismus, der die ganze deutsche und europäische Gesellschaft noch immer umfasst und sich heute in seiner modernen Form zudem auch noch zusätzlich als Philosemitismus offenbart, stehen diesen 15 Prozent der jungen Türken und Arabern die Mehrheit von 85 Prozent den Antisemitismus Ablehnenden gegenüber. Ähnlich verhält es sich in Frankreich. Auch hier wissen vor allem arabische Jugendliche, dass auch sie vom Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft genauso betroffen sind wie jüdische Franzosen und weisen den Antisemitismus  deswegen ebenfalls überwiegend entschieden zurück.1 Denn der Antisemitismus in Frankreich geht genau wie in der BRD (von Ausnahmen abgesehen)2 mit einem anti-arabischen oder anti-muslimischen Rassismus einher. Die Zahlen entsprechen daher den deutschen. Also reine Stimmungsmache? Zumindest lohnt auch hier wieder an den Artikel von Tony Klug in der aktuellen Tikkun zu erinnern, der einen klaren Zusammenhang zwischen dem steigenden Antisemitismus und dem Nahost-Konflikt sieht. Es würde ja auch keiner verleugnen, dass das kriegerische und aggressive Verhalten des amerikanischen Staates anti-amerikanische Intentionen gerade unter den Betroffenen schürt. Und dabei sollen diese nicht gutgeheißen werden. Bei Israel wird es also nicht anders sein.

Ganz abgesehen davon, dass die Zentralratsvorsitzende die Zuwanderung sowjetischer/russischer Juden lobt, nachdem der Zentralrat vor einigen Jahren versuchte die Bundesregierung dazu zu bringen nur noch die Zuwanderung von sog. halachischen Juden zuzulassen3, während sowjetische Juden, die keine jüdische Mutter aufweisen konnten, die Einwanderung verwehrt werden sollte4, weist Knobloch stur jeden Vergleich – also eben keine Gleichsetzung – des Antisemitismus mit der Islamophobie zurück. Die Aussage, beide hätten verschiedene Grundlagen und die Juden wären viel verankerter in der deutschen Gesellschaft gewesen als es heute die Muslime sind, soll genügen, um jeglichen Vergleich, der eventuelle Gemeinsamkeiten aufdecken könnte, abzuweisen. Damit macht es sich Frau Knobloch ziemlich einfach: es sei auch hier noch mal verwiesen auf die Publikation des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin: “Islamfeindschaft und ihr Kontext” (Hrsg. Wolfgang Benz). Und da lohnt auch noch einmal ein kurzes Zitat:

Im 19. Jahr­hun­dert waren es die Juden, jetzt ist es die an­geb­li­che is­la­mi­sche Ge­fahr, die das Abend­land be­droht. […] Aber die Me­cha­nis­men von Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung sind sich nicht nur ähn­lich, sie haben auch den glei­chen Grund: Die Mehr­heits­ge­sell­schaft braucht frem­de Min­der­hei­ten, denen man Schuld zu­schrei­ben kann und an die sie Be­dro­hungs­ängs­te, Über­frem­dungs-​ und Über­wäl­ti­gungs­fan­ta­si­en de­le­giert. […] Man hat ge­lernt, dass Juden jetzt sank­ro­sankt sind, weil wir ihnen Ent­setz­li­ches an­ge­tan haben. Das bringt uns aber of­fen­sicht­lich nicht zum nächs­ten Schritt, auch an­de­re Min­der­hei­ten […] zu re­spek­tie­ren.” (Wolf­gang Benz, Qant­ara.​de, 2010, via Rhizom)

Auf die Frage hin, ob sich sich aber nicht auch hinter dem „Antizionismus“ und der „Israelkritik“ der Linken bisweilen Judenfeindschaft verbirgt, antwortet die Noch-Zentralratsvorsitzende:

In der Tat sind die Linken in dieser Hinsicht jahrelang falsch eingeschätzt worden. Das war ein großer Fehler – von allen, auch von uns im Zentralrat. Aussagen, die mir von dieser Seite zu Ohren kommen, sind absolut mit denen der Rechten gleichzusetzen. Sagte man nicht dazu, von woher sie stammen, würde ich sie für Aussagen von Rechts halten. Die Linke hat sich inzwischen derartig eindeutig antiisraelisch bis antijüdisch positioniert, dass dieses Problem unbedingt mit der Bekämpfung des Rechtsextremismus gleichgestellt werden sollte. Ich habe das früher nicht geglaubt, jetzt aber schon.

Seit jeher wurde gegen linke Kritiker gehetzt. Der „Neue Antisemitismus“ ist nichts Neues. Man schaue sich nur einmal an, wie in regelmäßigen Abständen, immer nach irgendwelchen Kriegen, die Israel führte, gegen die Verteidiger der Opfer der Aggression mobil gemacht wurde – seien sie jüdisch oder nicht-jüdisch.  In den Staaten sind es Namen wie Alan Dershowitz, Abraham Foxman, Phyllis Chesler, Arnold Forster, Benjamin Epstein oder die Perlmutters, in Deutschland übernehmen diese Aufgabe ein Henryk M. Broder oder ein Ralph Giordano. Welche Aussagen, mag man da fragen wollen, sind ihnen denn, werte Frau Knobloch, zu Ohren gekommen? Hören-sagen ist eine feine Sache. Konkretisieren sie doch einmal. Aber das ist, wie gesagt, nichts Neues. Knobloch hat das Rad nicht neu erfunden, darum ist jegliche Empörung über eine solche widerliche Gleichsetzung auch vergebens.5

Stumpfe Hetze durchzieht das Interview sowohl von Seiten der Welt in Form ihres Interviewers Richard Herzinger als auch von Seiten der Zentralratsvorsitzenden Knobloch. Ob die Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden die Gleichsetzung von Nazis und Linken mitträgt, daran darf gezweifelt werden. Und immer wieder das leidige Existenzrecht:

Wenn die Hamas heute immer noch sagt, Israel müsse ausradiert werden, wenn ihre Gegenspieler in der palästinensischen Führung ihrerseits zu schwach sind, das Existenzrecht Israels eindeutig anzuerkennen, wie kann man da zu einer Friedenslösung kommen?

Liebe Frau Knobloch: die Existenz des Staates Israel ist von niemanden mehr ernsthaft bedroht (200 Nuklearsprengköpfe und eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt werden wohl reichen, um diese abzusichern), sie können mit solchen Aussagen niemanden mehr hinter dem Ofen herlocken. Israel sollte doch erst einmal das Existenzrecht eines palästinensischen Staates garantieren, den es erfolgreich seit 40 Jahren verhindert. Und um es noch einmal zu wiederholen: die Arabische Liga und die PLO erkennen das Existenzrecht de jure seit langem an. Die Hamas inzwischen de facto. Welche der israelischen Parteien erkennt denn das Existenzrecht eines palästinensischen Staates an? De jure oder de facto? Man stellt sich hin und spricht davon, dass man ja Frieden wolle und keinen Verhandlungspartner habe, während hinter dem eigenen Rücken der Siedlungsbau und die Annexion fleißig weitergeht. Gleichzeitig wird jeglicher friedlicher Protest sowohl von palästinensischer als auch israelischer Seite im Keim erstickt. Und wer es wagt, gegen die Politik des Staates und/oder des Zentralrats aufzubegehren, wie es, um nur wenige für viele zu nennen,  Felicia Langer, Rolf Verleger, ein Abraham Melzer oder Evelyn Hecht-Galinski,  Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden,  tun, wird diffamiert, denunziert und versucht zum Schweigen zu bringen. Da fragt man sich doch, liebe Frau Knobloch: Wen wollen sie eigentlich noch immer für dumm verkaufen?

  1. Ein interessantes filmisches Ergebnis davon ist, dass in dem Film „Hass“ (Originaltitel La haine) dann auch ein arabischer, ein jüdischer und ein schwarzer Jugendlicher zusammen die Hauptrollen spielen. []
  2. Diese Ausnahmen treten in Gestalt des modernen Antisemitismus, also des Philosemitismus, der sich nach außen hin positiv zu den Juden und ablehnend gegenüber den Muslimen stellt, auf. []
  3. In der UdSSR gab es das Phänomen, dass „jüdisch“ eine Nationalität wie „lettisch“ oder „russisch“ war. Die Zugehörigkeit wurde anhand des Vaters definiert. Siehe auch http://www.hagalil.com/archiv/2004/06/kontingentregelung.htm []
  4. Deren einzige Möglichkeit wäre dann Israel gewesen; war dies beabsichtigt oder entsprang dies dem anhaltenden Konflikt zwischen den alteingesessenen und den neu zugewanderten Juden, indem verhindert werden sollte, dass die russischen Einwanderer bald die Mehrheit des deutschen Judentums ausmachen würde? []
  5. Hier empfiehlt sich das vorletzte Buch des „umstrittenen“ (und dabei in seinen Schlussfolgerungen so harmlosen) Politikwissenschaftlers Norman G. Finkelstein: Beyond Chutzpah (deutsch: Antisemitismus als politische Waffe). []