Posts Tagged ‘Tilman Tarach’

Tragen die Palästinenser die mindeste Verantwortung für die Shoah?

Sonntag, September 4th, 2011

Apologeten wie Tilman Tarach oder Alex Feuerherdt versuchen, ganz wie ihre amerikanischen oder israelischen Vorbilder, aus den Palästinensern die „neuen Nazis“ zu machen und zeichnen daher eine angebliche Kontinuität von Adolf Hitler, über den Großmufti von Jerusalem zu den heutigen palästinensischen Konfliktparteien. Dominique Vidal bringt es in seinem Kommentar in der taz auf den Punkt:

Dritte Frage: Tragen die Palästinenser die mindeste Verantwortung für die Shoah? Ein aktuelles Buch von Gilbert Achcar zeigt, dass die überwiegende Mehrheit von ihnen am Kampf der Alliierten gegen Nazideutschland teilgenommen hat, während die Kollaboration des Muftis von Jerusalem und seiner SS-Legion, die ausschließlich aus Muslimen vom Balkan bestand, ein marginales Phänomen darstellte. Warum also sollen sie, 66 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und 64 Jahre nach dem UN-Teilungsplan für Palästina, weiter damit fortfahren, die „Rechnung“ für den Völkermord der Nazis zu bezahlen?

Clemens Heni: Eine Lehrstunde in Antisemitismus

Freitag, November 12th, 2010

Wie bringt man eine Frau in Verruf und macht aus ihr eine „umstrittene“ Wissenschaftlerin? Ein Lehrbeispiel, wie Antisemitismus auch funktionieren kann.

Tamar Amar-Dahl ist eine aus Israel emigrierte Historikerin. Wie so viele junge linke oder liberale Israelis, verließ sie Israel und gab zudem 2006 aus Protest gegen den Libanonkrieg ihren israelischen Pass ab, um im Ausgleich die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen.1 Nun ist Tamar Amar-Dahl in das Fadenkreuz des Antisemitismusforschers Clemens Heni geraten. (mehr …)

  1. Man fühlt sich unweigerlich an Michel Warschawaski erinnert, der schon vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht hatte, dass von den zehn engsten Freunden seines Sohnes inzwischen acht Israel den Rücken gekehrt hätten. []

Tarach und Dershowitz: Revisionisten? – Nachtrag zur Dershowitz-Diskussion

Montag, April 12th, 2010

Im Grunde war es ein Fehler, mich auf eine Diskussion um die Quellen für die Aussage von Alan Dershowitz, der Mufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini sei persönlich verantwortlich für die Ermordung von 4000 Kindern, überhaupt einzulassen. Abgesehen davon, dass ich Tilman Tarachs Buch besser nochmals ganz hätte lesen sollen (ich hätte mir dann einiges an Quellensuche erspart), ist Dershowitz ja nicht der Ausgangspunkt für eine solche Behauptung bzw. nicht alleine mit seiner Schuldzuweisung. Ich werde die Sache dennoch weiterverfolgen.

Vor allem aber geht eine solche Diskussion am eigentlichen Skandal vorbei, nämlich dass hier im Grunde eine Relativierung der Verantwortung der Nazis für die Ermordung vieler ihrer Opfer betrieben wird. Die Verfechter der These, es sei dem Mufti zuzuschreiben, dass Transporte Osteuropa nicht verlassen durften, versucht im Grunde nichts anderes, als die Schuld für die Ermordung von den Nationalsozialisten und den sie unterstützenden Regimen auf den Mufti Husseini abzuwälzen. Man muss sich doch fragen: Was für einen Grund außer ihren eigenen Vorteil hätten die Nazis denn haben können, die Kinder und deren Begleitungen auswandern zu lassen? Es gab ja Verhandlungen (Europa-Plan, „Blut-für-Ware“-Abkommen), die aber sicher nicht daran scheiterten, dass der Mufti einer Ausreise nicht zustimmte. Denn der Plan war, dass zum Beispiel im Falle des „Blut-für-Ware“-Abkommens die Juden Ungarns in alle von den Alliierten kontrollierten Gebiete ausreisen hätten sollen … außer Palästina.1 Die These von Leuten wie Tarach ist hingegen: Der Mufti trägt die Verantwortung dafür, dass die Nazis diese Menschen ermordeten, er verhinderte generell die Ausreise. Das ist in doppelter Weise absurd. Es entlastet den Täter und und verschiebt die Entscheidungshoheit auf Husseini. Aber ein Grund, warum denn die Nazis die Juden hätten ausreisen lassen, wird nicht genannt. Eine Maschinerie, die gerade dabei war 6 Millionen Juden und Millionen anderer zu vernichten, soll plötzlich nach dem Beginn der Massenvernichtung Kindern erlauben auszuwandern? Und das ohne Gegenleistung?

Die Frage drängt sich auf, ob hier nicht ein paar Leute ziemlich revisionistisch unterwegs sind. Wenn der Mufti gerade die Auswanderung nach Palästina verhinderte, was hätte dann die Nazis daran hindern sollen, diese Kinder nach Großbritannien, Schweden oder in die Schweiz ausreisen zu lassen? Der Mufti intervenierte dagegen, dass diese Kinder nach Palästina ausreisen dürfen. Aus den Briefen geht aber nicht hervor, dass die Deutschen den Kindern freies Geleit in ein beliebiges Land gewähren wollten und der Mufti jegliche Ausreise mit seiner Intervention verhinderte.

Ganz anders stellt sich die Sache jedoch bei unseren Freunden Alan Dershowitz und Tilman Tarach (sowie diversen anderen Kandidaten) dar. Hier kommen die Nazis mit ihren Entscheidungen, die Kinder zu ermorden, gerade mal noch als pro-arabische Erfüllungsgehilfen vor. Das ist der eigentliche Skandal und der revisionistische Kerngedanke hinter der These von der persönlichen Schuld Husseinis an der Ermordung tausender jüdischer Kinder: die Alleinverantwortung von den Deutschen (und ihren staatlichen Verbündeten) in die Hände eines Jerusalemer Großmuftis zu verlegen.

  1. Enzyklopädie des Holocaust, Band I, A-G, S.238: Brand, Joel []

Tilman Tarach: Der deutsche Alan Dershowitz

Donnerstag, April 8th, 2010

„Was bei der Lektüre des Buches schon nach wenigen Seiten auffällt ist die immense Sorgfalt und Präzision, mit der Tilman Tarach zu Werke geht, dazu seine instinktsichere Verknüpfung und situative Zusammenführung der historischen Dimension des Antisemitismus speziell in Nahost mit der persönlichen Verstricktheit der Protagonisten.“1

Tilman Tarach: Der ewige SündenbockDie Welt ist voller Märchenbücher und Lügengeschichten. Dies kann manchmal amüsant sein, häufiger aber ist es einfach nur ärgerlich. So auch im Falle Tilman Tarachs, dessen Buch „Der ewige Sündenbock“ landauf, landab von Verteidigern der israelischen Besatzung gepriesen wird.2 Tarachs Anliegen: die Verlogenheit der Linken im Nahostkonflikt aufzuzeigen. Tarachs Problem: Er stolpert dabei einfach über seine eigenen Argumente. Das Dilemma: wer hat schon wirklich Zeit (und Lust) eine ausführliche Widerlegung dieses Schwindel-Buchs zu schreiben?

Tarach ist zu unwichtig, sein Buch zu unbekannt und darüber hinaus zu unstrukturiert, als dass es einen ernsthaften Beitrag zur Debatte darstellen könnte. Aber es wird anscheinend trotzdem von einigen empfohlen und gelesen. Darum will ich hier kurz und exemplarisch das erste Kapitel bearbeiten, um zu zeigen, wie Tarach versucht, die Faktenlage zu entstellen.  Ganz im Stile seines Vorbilds Alan Dershowitz3 halbiert und/oder verändert er die Quellen in einer ihm angenehmen und funktionalen Weise. Das Anliegen, alles seiner Sichtweise zu unterwerfen, indem er die Präsentation der Faktenlage jener anpasst, ist zu leicht zu durchschauen. (mehr …)

  1. Bernd Dahlenburg (Honestly Concerned) als Referenz auf Tarachs Blog. []
  2. Alle Zitate und Fußnoten beziehen sich auf die 2. Auflage, März 2009; die dritte Auflage hat ein Geleitwort von Henryk M. Broder bekommen. Anscheinend meint Tarach, dass ein solches sein Buch veredeln würde. []
  3. The Case for Israel, 2003. Dershowitz‘ Apologie auf die Menschenrechtsverletzungen durch den Staat Israel wurde umfassend und genau von Finkelstein (Beyond Chutzpah – On the Missuse of Anti-Semitism and the Abuse of History, dt.: Antisemitismus als politische Waffe) analysiert und  sämtliche seiner Falschdarstellungen widerlegt. []