Posts Tagged ‘Jüdische Gemeinde Berlin’

Zu den Gemeindewahlen in Berlin

Montag, Dezember 5th, 2011

Nachdem Joffe und seine „Halbstarken“ bei den Gemeindewahlen in Berlin ziemlich gut abgeschnitten haben, schreibt die taz heute:

„Wer auch im Januar zum neuen Vorstand gewählt wird, hat große Aufgaben zu meistern: Er muss […] die Integration der russischsprachigen Einwanderer vorantreiben. Sie stellen heute 80 Prozent der Gemeinde.“

Haha, ein guter Witz. Wer sich da wo integrieren müsste. Wohl eher die Westmischpoche. Was eigentlich gemeint ist: Unterordnen.

„Tacheles!“ Stellungnahme zum Geschehen in der Jüdischen Gemeinde Berlin

Sonntag, Mai 2nd, 2010

Stellungnahme der israelischen “StörerInnen” der Veranstaltung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin am 27.4.20101

Es ist Zeit Tacheles zu reden!

Nachdem in vielen Berichten zu dem Geschehnis letzten Dienstag im Zentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, bestimmte Tatsachen bewusst verschwiegen wurden, fühlen wir uns dazu veranlasst diese Stellungnahme zu veröffentlichen. Letzten Dienstag wollten RepräsentantInnen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin eine Veranstaltung mit dem Namen “Pilgerfahrt nach Auschwitz – Zum Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus” durchführen. Obwohl der Anlass zu dieser Veranstaltung ein Artikel2 der israelischen Autorin Iris Hefets war, der vor einigen Wochen in der taz veröffentlicht worden war, wurde sie nicht eingeladen.

Der Einladungstext3 und die Aussagen von MitarbeiterInnen der Jüdischen Gemeinde ließen von vornherein keinen Zweifel daran, dass es in dieser Veranstaltung um ein Tribunal gegen Iris Hefets und ähnliche kritische Stimmen aus Israel oder der jüdischen Gemeinden gehen sollte. Daher war es uns wichtig, klarzustellen, dass Iris Hefets nicht allein steht und die Thesen ihres Artikels ein Teil einer legitimen und notwendigen Diskussion nicht nur innerhalb Israels sind. Deswegen hielten wir Papierschilder hoch, auf denen stand „Wir sind alle Iris Hefets“ und versuchten, ihre Teilnahme auf dem Podium einzufordern.

Die hassgeladene Einführungsrede der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind übertraf in ihren persönlichen Diffamierungen gegen Hefets sogar unsere Befürchtungen und zeigte, dass es kein wirkliches Interesse an einer inhaltlichen Auseinandersetzung gab. Die Reaktion der VeranstalterInnen auf unseren friedlichen Protest machte uns darüber hinaus klar, dass die Anwesendheit von Israelis, die das von der Jüdischen Gemeinde gepflegte Bild von Israel in Frage stellen, von dieser nicht tolerieren wird. Mehr noch, nachdem die von den VeranstalterInnen angeforderten Polizeikräfte eintrafen, fühlten wir uns gezwungen, als Menschen, die keine europäische Staatsbürgerschaft besitzen, den Saal zu verlassen.

In der Presseerklärung der Jüdischen Gemeinde und auch in anderen Medienberichten wurde die Tatsache, dass die „StörerInnen“ der Veranstaltung alle Israelis waren, merkwürdigerweise weggelassen. Dies überrascht uns noch mehr, da vergangene Presseerklärungen der Jüdischen Gemeinde und die allgemeine Berichterstattung in Deutschland immer gerne den Migrationshintergrund von Personen betont, denen eine nicht-deutsche ethnische Zugehörigkeit unterstellt wird. Da wir selbst lautstark unseren Migrationshintergrund kundtaten, es ist umso verwunderlicher, dass dieser Fakt in so vielen Berichten unter den Tisch fiel. Es wirkt noch befremdlicher, dass der Titel der Presseerklärung der Jüdischen Gemeinde über die Geschehnisse lautet „Kein innerjüdisches Problem“.4 Sollte damit gemeint sein, dass israelische oder deutsche Juden, die eine andere Sichtweise über die Politik des Staates Israel haben, keine Juden seien? Oder dass wir kein Teil der jüdischen Gemeinschaft sind?

In Israel wird längst reflektiert und zu Recht kritisiert, wie die staatliche Erinnerung an den Holocaust zu einem politisches Instrument werden kann, welches Nationalismus und Militarismus rechtfertigt. Dutzende Filme, Theaterstücke, akademische Forschung und Diskussionen in der Zivilgesellschaft thematisieren diese Instrumentalisierung und setzen sich damit kritisch auseinander. Der Versuch der OrganisatorInnen der Veranstaltung, diese wichtige und notwendige Diskussion in Deutschland durch Antisemitismusvorwürfe zum Schweigen zu bringen ist unerträglich. Er hinterlässt den Eindruck, dass sie eher daran interessiert sind, die Politik der israelischen Regierung zu decken, als den realen Antisemitismus und Rassismus in Deutschland zu bekämpfen.

Israelis gegen die Besatzung – Berlin

  1. via Palästina-Portal []
  2. Anm. Schmok: „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ – taz, 9.3.2010 []
  3. Anm. Schmok: Nachzulesen auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde Berlin []
  4. Anm. Schmok: Ebenfalls nachzulesen auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde Berlin, jedoch nur so lange, bis die Startseite aktualisiert wird []

Lieber PD Dr. Samuel Salzborn

Samstag, Mai 1st, 2010

Lieber PD Dr. Samuel Salzborn,

es kann einem wirklich angst und bange werden, wenn man Ihren Text so liest. Es scheint ein wahrer Mob in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gehaust zu haben, gemeingefährlich, der schreiend und aggressiv den Ablauf störte und bei dem manch einem der älteren Besucher fürchterliche Erinnerungen an ihre Jugend oder Kindheit hätten aufkommen können. Ich stelle mir tumultartige Szenen vor und wäre, wenn ich nicht die Wahrheit wüsste, erschrocken und wütend, weil es ja durchaus nicht ganz unwahrscheinlich ist, dass Antisemiten und Rechtsextreme schon wieder offen auf einer jüdischen Veranstaltung auftauchen. Immerhin rannten heute 250 urplötzlich über den Kudamm in Berlin.  Ich lese:

20 Personen sprangen nach dem Grußwort (!) der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Lala Süsskind, auf, störten den Ablauf und hielten vorbereitete Plakate mit Solidaritätsbekundungen für Iris Hefets, die Autorin des taz-Artikels, hoch.

Und dann sehe ich die irgendwie überhaupt nicht bedrohlich wirkenden Menschen, die dort stehen und mir so gar nicht eine aggressive Körperhaltung ausdrücken.

Und ich lese weiter und da schreiben Sie, dass „die antisemitische Stimmung, die sich schwerlich als ’nur‘ antizionistisch zu tarnen vermag, […] sich am Rande des Ausnahmezustandes“ bewegte. Die Polizei habe die Aufgabe, „Antisemiten daran zu hindern, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen“. Und dabei vergessen Sie ganz zufällig zu erwähnen, dass diese jungen Menschen dort aus Israel waren, der Gruppe „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“ angehörten und mitnichten so einfach als Antisemiten und vielleicht nicht einmal als Antizionisten bezeichnet werden können.

Das wären langsam aber ziemlich viele jüdische und israelische Antisemiten, finden Sie nicht? Viel zu viele. Aber das natürlich alles nur am Rande. Ist ja auch nur eine Randnotiz hier. Alles Gute.

Nachtrag: All das Geschriebene gilt natürlich auch für Sie, sehr geehrter Herr Arvid Vormann. Inzwischen dürfte aber wohl der größte Dussel mitbekommen haben, dass hier nur wieder Knallkörper in die Luft geworfen werden.

„Pilgerfahrt nach Auschwitz“ – Presseerklärung der Jüdischen Stimme

Donnerstag, April 29th, 2010

Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e. V.Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat kein Monopol auf das Auschwitzerbe aller Juden – Presseerklärung

Die Jüdische Gemeinde lädt zu einer Podiumsdiskussion „Zum Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus“ ein, auf der der Beauftragte der Gemeinde für die Bekämpfung des Antisemitismus mit Vertretern und Vertreterinnen Berliner und überregionaler Medien erörtern will, wo „die ‚rote Linie‘ zum Antisemitismus“ verläuft und wie „der mediale Umgang mit dem Gedenken künftig gestaltet werden soll“.

Anlass ist ein Kommentar mit dem Titel „Auf Zehenspitzen gehen“ (Druckausgabe) bzw. „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ (Internetausgabe), der Anfang März in der taz erschien. In diesem wendet sich die Israelin Iris Hefets – Mitglied unseres Vorstands -gegen die in Deutschland übliche Zensur jeglicher Kritik an der Politik Israels gegenüber Palästinensern im eigenen Land und in den besetzten Gebiete. Zentraler Gegenstand des Artikels ist dabei die Instrumentalisierung des Gedenkens an den Holocaust nicht zuletzt in Israel. Nun ist es keineswegs das Vorrecht von Israelis und Juden, die Politik Israels zu kritisieren und ebenso wenig den Umgang mit einer solchen Kritik in Deutschland zu kommentieren. Es kann aber unterstellt werden, dass Iris Hefets und mit ihr unsere Organisation den Kommentar in der taz in der Absicht zur Veröffentlichung brachte, dem uns selbst und unseren Nachgeborenen überlieferten Vermächtnis des Völkermords an unseren Vorfahren nach bestem Wissen und Gewissen gerecht zu werden.

In der Jüdischen Stimme haben sich Überlebende der Konzentrationslager, Nachfahren von Ermordeten, deutsche Juden und in Deutschland lebende Juden zusammengefunden, um in Verantwortung vor ihrer Geschichte gegen das Unrecht aufzustehen, das die israelischen Regierungen am palästinensischen Volk begehen. Folglich heißt es auch in ihrem Selbstverständnis und Gründungsdokument aus dem Jahre 2003: „Wir, Frauen und Männer jüdischer Herkunft in Deutschland, haben uns vereinigt, um sichtbar zu machen, dass wir aus den historischen Erfahrungen unserer Vorfahren um die Entwürdigung und den Schmerz wissen, die Menschen zugefügt werden, wenn sie systematisch ausgegrenzt und entrechtet werden. Es darf sich kein Volk über ein anderes Volk und kein Mensch über einen anderen Menschen erheben. Alle Menschen sind gleich an Rechten geboren.“

Und weiter: “In Deutschland gilt es jedoch klar zu sagen: Positionen, hinter denen sich antisemitische Einstellungen verbergen, sind mit dem Anliegen der Jüdischen Stimme unvereinbar. In inneren politischen Gesprächen ebenso wie im Zusammengehen mit anderen Organisationen und Gruppen wird stets zu berücksichtigen sein, dass einzelne Mitglieder und Freunde der Jüdischen Stimme selbst Diskriminierung erlebt haben oder erleben.“

Nun weiß man bei der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sehr genau, dass die jüdische Authentizität unserer Organisation unanfechtbar ist. Je nach Wetterlage beliebt es dem Botschafter des Staates Israel oder Vertretern des Zentralrats der Juden in Deutschland, sich der Vielfalt der jüdischen Stimmen zu brüsten und sie gar als Beweis für eine besonders aufgeklärte Demokratiekompetenz von Juden in Israel und in Deutschland zu feiern.

In jüngster Zeit, da die Politik Israels international und insbesondere in breiten Teilen der europäischen und nordamerikanischen Zivilgesellschaften als völkerrechtswidrig und inhuman kritisiert wird (in Israel pflegt man in Regierungskreisen von einer internationalen De-Legitimisierung der eigenen Raison zu sprechen), weht ein anderer Wind.

Mit dem Ziel der Schadensbegrenzung ist man jetzt in Israel und offenbar auch in den Jüdischen Gemeinden hierzulande entschlossen, kritische Stimmen mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Dabei spielt die Herkunft der Kritiker, das zeigen das förmliche Redeverbot für den Israeli Ilan Pappé oder den US-Ameikaner Norman Finkelstein sowie nicht zuletzt der aktuelle Umgang mit Iris Hefets, keine Rolle. Auch die Tatsache, dass in den europäischen Nachbarstaaten, in den USA und ja, in Israel selbst das Recht der Zivilgesellschafen an umfassender und pluralistischer Aufklärung hochgehalten wird, ist nicht von Belang. Fast scheint es so, als käme in Deutschland allein den jüdischen Gemeinden die Hoheit zu, darüber zu befinden, welche Meinung zu Israels Politik geäußert werden dürfe und welche nicht. Kirchen, öffentliche Einrichtungen und Medien werden des Antisemitismus beschuldigt und geraten unter massiven Druck, wenn sie sich anschicken, die im Grundgesetz verbriefte Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit im Lande wahrzunehmen und Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die die Besatzungspolitik Israels kritisieren, den Goldstone-Report über den Gazakrieg würdigen oder die Umsetzung des Gutachtens des Internationalen Gerichtshofs zum Verlauf der von Israel quer durch Palästina errichteten Trennmauer anmahnen. De facto nehmen die Jüdischen Gemeinden eine Zensurhoheit wahr, die in der Verfassung nicht vorgesehen und weder der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft noch der jüdischen Minderheit dienlich ist.

Vor diesem Hintergrund ist nach dem Ansinnen zu fragen, das die Jüdische Gemeinde zu Berlin mit der nunmehr anberaumten Podiumsveranstaltung verfolgt.

Die Tatsache, dass Iris Hefets als Autorin des Kommentars nicht eingeladen wurde, sich auf dem Podium öffentlich zu erklären, spricht für sich. Im Einladungstext fehlt zudem jeder Hinweis darauf, dass sie Israelin und Mitglied unserer Organisation ist. Beides ist öffentlich bekannt. Der Diskurs mit unserer Organisation ist nicht offenkundig gewollt. Es soll nicht sichtbar werden, dass die Jüdische Gemeinde zu Berlin nicht im Namen aller hier lebenden Juden und der Staat Israel nicht im Interesse der „jüdischen Welt“ handelt.

Stattdessen zieht es die Jüdische Gemeinde vor, mit befreundeten Vertretern der deutschen Presse (Die Welt, Der Tagesspiegel, Perlentaucher) die taz auf ein Anklagepodium zu zerren, damit auch hier Ruhe in Sachen Israel einkehrt. Augenscheinlich ist es leichter – das Muster ist allzu bekannt -, die taz ob der unzensierten Veröffentlichung des Kommentars des Antisemitismus zu bezichtigen. Für die Konkurrenten der Zeitung ein annehmbares Spiel. Für die Pressefreiheit im Lande eine Gefahr.

Für uns Juden und Jüdinnen, die wir hierzulande im eigenen und mit unseren israelischen Freunden nicht zuletzt auch im Interesse einer lebbaren Zukunft der Bevölkerung Israels handeln, wäre jede Maßregelung der taz im Sinne der in der Einladung zur Veranstaltung angekündigten „Grenzziehung“ für die Auseinandersetzung mit der Politik Israels gegenüber dem palästinensischen Volk ein nicht hinnehmbarer Anschlag auf unsere politischen Freiheiten und moralische Integrität.

Wir werden auch künftig nicht zulassen, dass unser Gedenken an den Völkermord und unsere Mahnung, dass sich Geringschätzung und Ausgrenzung von Schwächeren und Andersdenkenden nicht wiederholen dürfen, als antisemitisch diskreditiert werden.

Nie wieder! An keinem Ort der Welt. Das ist unsere Lehre aus Auschwitz.