Posts Tagged ‘Jüdische Allgemeine’

Stumpf unkommentiert

Donnerstag, Mai 24th, 2012

Unkommentiert frisst Sivan Wüstemann nach den jüngsten Ausschreitungen in Tel Aviv den rassistischen Dreck, den die israelische Rechte vorkaut und spricht davon, dass Politiker über illegale Einwanderung „diskutieren“ würden. Da möchte man nur noch kotzen. Aber lest selbst: „Rückführen oder Abschieben?“Israelische Botschaft Jüdische Allgemeine, 24. Mai 2012.

„Bis an die Zähne bewaffnet“

Donnerstag, April 26th, 2012

Liebste Sabine Brandes,

Sie, die Sie da sind unsere Lieblingskriegsberichterstatterin aus Tel Aviv, feiern fröhlich in der neuesten Onlineausgabe der israelischen Botschaft der Jüdischen Allgemeinen die Reinheit der Waffen ab.  Aber über Ihren offenen Militarismus wollen wir hier und heute gar nicht sprechen. Es reicht, dass sie den jährlich wieder neu aufgelegten Mythos von den unterlegenen israelischen Streitkräften wiederholen. Erst vor kurzem hatte ihr Kollege Wuliger ja ähnliches verlauten lassen. Unter dem schönen Titel „Vier Generationen, eine Einheit“ eifern Sie diesem dann auch fleißig nach und schreiben:

Schon einen Tag, nachdem der erste Ministerpräsident David Ben Gurion den jüdischen Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen hatte, standen die militärischen Mächte von Ägypten, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Irak und Libanon an sämtlichen Grenzen. Bis an die Zähne bewaffnet und in ihrer Zahl den jüdischen Kämpfern haushoch überlegen.

[…]

Mit dem Mut der Verzweiflung schlugen sie die übermächtigen Feinde in die Flucht.

Man kann es eigentlich gar nicht oft genug wiederholen. Vielleicht bliebt ja irgendwann einmal etwas bei Ihnen hängen:1

Sehen wir erst einmal davon ab, dass während des Bürgerkriegs zwischen November 1947 und Mai 1948 mehr als 30.000 jüdische Milizionäre lediglich etwa 3000 palästinensischen Milizionären gegenüberstanden, weil die arabische Seite durch den anti-britischen Aufstand 1936-1939 sowohl politisch als auch militärisch kopflos und völlig zerstreut war: viele der Führer waren getötet worden oder ins Exil gegangen und die britische Armee hatte die bewaffneten Milizen und Banden  weitgehend aufgerieben.

Es war also gerade diese völlige Abwesenheit jeglichen organisierten militärischen Widerstandes der palästinensischen Seite, durch den es den jüdischen Streitkräften  gelang, in den Monaten November 1947 bis Mai 1948 mehr als 250.000 Palästinenser zu vertreiben, noch bevor der eigentliche Krieg dann Mitte Mai überhaupt los ging und die arabischen Truppen den neu gegründeten israelischen Staat angriffen. Benny Morris, einer der führenden zionistischen Historiker, schreibt in seinem Buch „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“:

On the eve of the war, the Haganah had altogether 35.000 members.2

Im Juni waren es dann schon 42.000 gut ausgerüstete und wie – sie richtigerweise sagen – hoch motivierte jüdische Soldaten. Die arabische Seite konnten zu dieser Zeit 28.000 Soldaten aufbringen. Sie bestand aus 5.500 Ägypter, 6000-9000 arabische Legionären, 6000 syrische Truppen, 4.500 Irakern, einer Handvoll von Libanesen sowie die Überreste der palästinensischen Milizen und Freiwilligen. Im Juli waren es schon 65.000 jüdische Soldaten gegenüber 40.000 Arabern, im Frühjahr 1949 dann 115.000 Soldaten bei etwas mehr als 55.000 arabischen Soldaten.3

Beachtenswert ist hier zudem, dass unter den arabischen Truppen Ende 1948 alleine 18.000 Jordanier waren, die zumindest nach der Besetzung des heutigen Westjordanlandes und einigen Scharmützeln mit der neu gegründeten IDF Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten. Warum? Der jordanische König hatte ein Geheimabkommen mit der israelischen Führung geschlossen, dass dieser lediglich das heutige Westjordanland besetzen sollte. Durch dieses Abkommen wurde die stärkste Fraktion der arabischen Seite neutralisiert. Von der Bewaffnung und dem Nachschub beider Konfliktparteien sowie den Streitereien und der Führungslosigkeit der arabischen Seite wollen wir erst gar nicht anfangen. Da sah es im Verhältnis ähnlich aus und spricht nicht gerade für eine „Übermacht“ der arabischen Truppen.

Stimmt irgendetwas an den aufgeführten Fakten nicht? Dann widerlegen Sie diese doch bitte. Ich lasse mich gerne belehren. Andernfalls fragt man sich, warum Sie noch immer versuchen die Realität zu leugnen und zu verdrehen. Würde das etwas an ihrem selbst gebastelten Weltbild ändern, wenn sie dieser endlich einmal ins Auge sehen würden? Brauchen sie diesen Mythos, um das hier und jetzt vom immer bedrohten jüdischen Staat und die fortwährenden Kriege gegen die israelischen Nachbarn zu rechtfertigen? Warum sind sie nicht so ehrlich wie ein Benny Morris, der wenigstens sagt: Ja, „wir „haben vertrieben. Aber „wir“ haben nur nicht genug vertrieben.

Eine schöne Restwoche wünscht ihnen:

Schmok

  1. Jaja, manch einem der Leser wird das ewige Wiederholen vielleicht langweilen. []
  2. Benny Morris – „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“, Seite 193 []
  3. Benny Morris – ebd., Seite 217 []

Arte zeigt: „The Promise“ – Wuliger schreit auf

Donnerstag, April 19th, 2012

Arte zeigt heute ab 20.15 Uhr die ersten beiden Teile der britischen TV-Serie „The Promise – Gelobtes Land“ (Anm.: Die ersten beiden Teile sind noch eine gewisse Zeit online zu sehen, siehe unten; die anderen werden nach dem zweiten Sendetermin ebenfalls online anzuschauen sein). In seinem Vierteiler lässt der Regisseur Peter Kominsky die fiktive junge Engländerin Erin mit ihrer zum Wehrdienst einberufenen Freundin Eliza nach Israel reisen, wo sie tief in den dortigen Konflikt und die Besatzung verwickelt wird.

Die Geschichte springt hin und her zwischen ihrem Besuch in Israel und dem Jahre 1948, als ihr Großvater als junger Soldat im damaligen Mandatsgebiet stationiert war. Wer den Inhalt genauer erfahren will, sollte einfach  das Programm bei Arte lesen. Das muss ich hier nicht alles wiedergeben. Interessant ist da doch eher die Reaktion der hiesigen Presse.

Michael Wuliger stimmt in der Jüdischen Allgemeinen heftige Töne gegen die Serie an und meint sogar eine Geschichtsfälschung auszumachen:

Im arte-Programmheft heißt es, Regisseur Kosminsky habe acht Jahre lang in Archiven und vor Ort für die Produktion recherchiert. In der Tat lassen sich praktisch alle Szenen mit dokumentierten Fakten belegen. Die Perfidie liegt in der Auswahl. Der von beiden Seiten geführte Krieg 1948 wird dargestellt als Angriff einer jüdischen Übermacht auf unbewaffnete Araber; von den palästinensischen Massakern an Juden vor 1948 ist nur in einem einzigen Halbsatz einmal die Rede; aktuell kommt ebenfalls nur einmal am Rande ein Selbstmordanschlag vor.

So müsste man ihn doch zumindest einmal von den Fakten her auf folgendes hinweisen:

Der Film spielt im Jahre 1948. Also weit ab der Massaker an Juden. Sie sind schlicht und einfach nicht das Thema. Und ja, es gab  ein Übermacht auf  israelischer Seite. 36.000 jüdische Soldaten (Haganah, Palmach, Irgun) standen bis Mai 1948 ca. 3000 schlecht bewaffneten und versprengten Palästinensern und einigen Freiwilligen gegenüber.  Ab Mai 1948 waren es dann schon 42.000  jüdische Soldaten gegen 28.000 schlecht ausgebildete und auch schlecht motivierte arabischen Soldaten, die bis dahin an an den Grenzen zum britischen Mandatsgebiet standen, ohne gegen die anhaltende Vertreibung anzugehen. In diese 28.000 Soldaten  inbegriffen sind die durch ein Geheimabkommen zwischen dem jordanischen König und der Führung unter Ben Gurion neutralisierten jordanischen Truppen. Zum Ende des Krieges hatte die IDF eine Stärke von 115.000 Soldaten, die arabische Seite 55.000. Davon waren alleine 18.000 Jordanier, die  zumindest bis zum Angriff der IDF auf Stellungen im heutigen Westjordanland Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten.

Zumindest zu Beginn war es demnach wirklich eine Übermacht jüdischer Truppen gegen fast unbewaffnete Araber, auch wenn sich das Verhältnis später auf „lediglich“ 2:1 zugunsten der israelischen Truppen veränderte. Nicht umsonst konnten die jüdischen Verbände fast ungestört bis zum 3.Mai 1948, also noch vor der Gründung Israels und dem Angriff der arabischen Nachbarstaaten, bis zu 250.000 Palästinenser vertreiben (Januar bis Mai 1948). Erst danach marschierten die arabischen Einheiten über die Grenze. Die weiteren Vertreibungen wurden übrigens sogar während der Waffenruhen (11. Juni – 8 Juli und 18. Juli – 15. Oktober 1948) fortgesetzt und hielten bis zur Waffenruhe mit Ägypten (Februar 1949) an.

So viel zu den Fakten, die ein jeder in den verschiedenen Standardwerken wie  beispielsweise von Benny Morris oder bei Tom Segev nachlesen kann. Aber Michael Wuliger meint hier scharfe Kritik üben zu müssen:

Damit ist die Grenze von der selektiven Wahrnehmung zur Geschichtsfälschung überschritten.

Die Geschichtsfälschung, Herr Wuliger, kam die letzten Jahrzehnte wohl eher von der anderen Seite und ihren vermeintlichen „Freunden“. Auch wenn sie diesen Film nur „14 Tage nach dem Grass-Gedicht“ als „das zweite mediale anti-israelische Großereignis der Saison“ betiteln: die gespielte oder echte Empörung ändert nur wenig an der Richtigkeit der Darstellungen. Und auch das durch den Regisseur gewählte Verhältnis an gegenseitiger Gewalt entspricht mehr als nur der Realität. Wuliger versucht aus einem Film, der schonungslos diese gegenseitige Gewalt thematisiert, aber dabei nicht aus den Augen verliert, wer dort wer wen vertrieben hat und noch immer unterdrückt und bedroht, gleichzeitig aber den Dialog preist, eine anti-israelische Propaganda zu machen. Die Realität sehen wir jedoch jeden Tag im Westjordanland, in Gaza und auch in Israel selbst.

»Gelobtes Land«, arte, Freitag, 20. und 27. April, jeweils 20.15 Uhr

Teil 1: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_1_4_-6597938.html

Teil 2: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_2_4_-6597942.html

Israel und ‘Pinkwashing’

Mittwoch, Februar 8th, 2012

Was soll uns dieses Bild wohl suggerieren?

In Diskussionen um die anhaltende Besatzung der palästinensischen Gebiete, dem Ausbau der Siedlungen und der repressiven Politik des israelischen Staates fällt oft ein nicht von der Hand zu weisendes Argument, das stets den Vergleich zwischen dem Staat der Juden, seinen Nachbarn sowie den palästinensischen Gebieten beim Umgang mit  homosexuellen Bevölkerungsteilen bemüht. Vor einigen Wochen hob die Jüdische Allgemeine dann auch hervor, dass Tel Aviv zum „gay-freundlichsten Ort der Welt“ gekürt wurde und obendrein zu einem der kreativsten überhaupt. Die Stadt – und damit ja auch irgendwie Israel – sei einfach cool und schwul:

Dass sich in ihren Grenzen auch Schwule, Lesben, Trans- und Bisexuelle aus der ganzen Welt zu Hause fühlen, ist ebenfalls nicht neu. Die Kür zur gay-freundlichsten Stadt des ganzen Globus aber ist eine besondere Ehre. Die Website Gaycities.com spricht Tel Aviv ein dickes Lob aus: »Es vergeht kaum ein Monat, an dem hier kein musikalisches oder kulturelles Event gefeiert wird.« Tel Aviv erhielt den »Daumen hoch« von 43 Prozent der Wähler. New York kam mit einem Riesenabstand (14 Prozent) auf Platz zwei, Toronto mit sieben Prozent auf den dritten Rang.

Die New York Times, eigentlich traditionell ein großer Verfechter der israelischen Politik, hat laut Netanjahu inzwischen gemeinsam mit der linksliberalen Haaretz die radikalislamistische Hamas, Iran und den jüdischen Zionisten Richard Goldstone als größte Bedrohungen Israels abgelöst.

Im November brachte die NYT einen bemerkenswerten und früher undenkbaren Artikel von Sarah Schulman, der sich mit dem „Pinkwashing“ Israels beschäftigt. Ein weit verbreitetes Phänomen auch in Deutschland, wo antideutsche „Linke“  so etwas überhaupt nicht gerne hören und dann einfach niederbrüllen. „Branding Israel“ ist das Stichwort:

“IN dreams begin responsibilities,” wrote Yeats in 1914. These words resonate with lesbian, gay, bisexual and transgender people who have witnessed dramatic shifts in our relationship to power. After generations of sacrifice and organization, gay people in parts of the world have won protection from discrimination and relationship recognition. But these changes have given rise to a nefarious phenomenon: the co-opting of white gay people by anti-immigrant and anti-Muslim political forces in Western Europe and Israel.

In the Netherlands, some Dutch gay people have been drawn to the messages of Geert Wilders, who inherited many followers of the assassinated anti-immigration gay leader Pim Fortuyn, and whose Party for Freedom is now the country’s third largest political party. In Norway, Anders Behring Breivik, the extremist who massacred 77 people in July, cited Bruce Bawer, a gay American writer critical of Muslim immigration, as an influence. The Guardian reported last year that the racist English Defense League had 115 members in its gay wing. The German Lesbian and Gay Federation has issued statements citing Muslim immigrants as enemies of gay people. (Weiterlesen)

 

 

Die jüdische Welt schweigt doch gar nicht, Herr Stein!

Sonntag, Februar 27th, 2011

Hannes Stein fragt in der Jüdischen Allgemeinen, warum die jüdische Welt still bleibt ob der Ereignisse in der arabischen Welt und vor allem in Ägypten:

„Warum tun Juden sich dann jetzt so schwer, die Morgendämmerung der Freiheit im Orient zu begrüßen? Warum jubeln sie nicht lauthals mit, wenn – oh Wunder der Weltgeschichte! – Ägypten selbst aus Ägypten auszieht? Warum schweigt Israel wie vom Donner gerührt? Warum hört man auch von jüdischen Organisationen in Amerika kein Sterbenswörtchen?“

Und beantwortet die Frage mit einer Gegebenheit aus dem 17. Jahrhundert, in der der Mob in Frankfurt sich bei einem Aufstand gegen die Oberen auch gleich gegen die Juden erhob, um dann daraus zu schließen, die Juden hätten

„[…] immer dieselbe begründete Angst vor den »pauperes«, den verarmten aufgehetzten Massen, die in Momenten der Raserei nichts Besseres zu tun wussten, als über die Juden herzufallen. Just diese Logik – eine Diaspora-Logik, wie man leider feststellen muss – steckte hinter dem Bündnis des Staates Israel mit Hosni Mubarak: Der ägyptische Diktator garantierte einen »kalten Frieden« und hielt, so hat es den Anschein, wenigstens die schlimmsten Antisemiten im Zaum.“

Herr Stein, Sie irren sich ganz gewaltig. Vielleicht schweigt nur eine Seite, eine andere dagegen ruft sehr wohl laut aus:

“We are deeply inspired by their push for democracy and freedom“ (Cecilie Surasky (Jewish Voice for Peace): „A Jewish Group Makes Waves, Locally and Abroad“ – The New York Times, 3. Februar 2011)

“Now is the moment we have and that moment is slipping away. We’re not in a place where a two-state solution will magically become more attainable. We need to take the opportunity we have now to achieve a lasting peace with security for Israel. … I don’t think Egypt is about to become another Iran, but rather it will have a democratic government that will keep its treaty with Israel.” (Hadar Susskind (J Street): „Mideast Unrest Hardening Positions In Community“ – The Jewish Week, 15. Februar 2011)

„The genie of revolution, of renewal, of rejuvenation, is now haunting all the regimes in the Region. The inhabitants of the “Villa in the Jungle” are liable to wake up one morning and discover that the jungle is gone, that we are surrounded by a new landscape.“ (Uri Avnery (Gush Shalom): „The Genie Is Out of the Bottle“ – Al Jazeera, 21. Februar 2011)

„The inspiring triumph of the Egyptian people in the nonviolent overthrow of the hated dictator Hosni Mubarak is a real triumph of the human spirit. While there will likely be continued struggle in order to insure that the military junta will allow for a real democratic transition, the mobilization of Egypt’s civil society and the empowerment of millions of workers, students, intellectuals and others in the cause of freedom will be difficult to contain.“ (Prof. Stephen Zunes: „Mubarak’s Ouster: Good for Egypt, Good for Israel“ – Tikkun, Februar 2011)

Und viele andere Gruppen, Organisationen, Journalisten, Zeitungen, Einzelpersonen oder auch die vielen vielen Blogger wie Alex Kane, Max Blumenthal, Richard Silverstein oder die pausenlose und großartige Berichterstattung über Ägypten bei Philip Weiss und Adam Horowitz.

Um dann Ihre Frage zu beantworten, warum die restliche jüdische Welt bisher schweigt: anscheinend haben bis auf Ausnahmen die meisten rechten und pro-israelischen Organisationen im Gegensatz zu manchem linken Schmierblättchen unbewusst den Rat von Lara Friedman befolgt:

„For Israel and friends of Israel, there are two smart choices: Either embrace the change that is happening with the same good will that is being shown by the rest of the world, or keep quiet.“ (Lara Friedmann (Americans for Peace Now): „Either embrace change in Egypt or stay quiet“ – JTA, 31. Januar 2011)

Thomas Friedman warnt letztendlich vielleicht dann doch nicht zu unrecht:

„I had given up on Netanyahu’s cabinet and urged the U.S. to walk away. But that was B.E. — Before Egypt. Today, I believe President Obama should put his own peace plan on the table, bridging the Israeli and Palestinian positions, and demand that the two sides negotiate on it without any preconditions. There is a huge storm coming, Israel. Get out of the way.“ (Thomas Friedman: „B.E., Before Egypt. A.E., After Egypt.“ – New York Times, 1. Februar 2011)

Die Jüdische Allgemeine und der Siedlungsbau

Sonntag, Oktober 3rd, 2010

Es ist schon ein seltsames Phänomen, dass die Jüdische Allgemeine, welche durch den Zentralrat herausgegeben wird, also einer Körperschaft des öffentlichen Rechts, immer wieder ihre religiösen Artikel mit Bildern unterfüttert, die im palästinensischen Gebieten aufgenommen wurden und die Landnahme mehr als deutlich bebildern.1 Diese Woche unter dem harmlos klingenden Titel: „Bebauen und bewachen“.2 Wie tragisch-passend. Das Bild zeigt zwei Grenzsoldaten, die zum „Neujahr der Bäume“ eben solche pflanzen. Unterschrieben ist das Bild mit: „Nachhaltig: Israelische Grenzpolizisten pflanzen an Tu Bischwat ein Bäumchen in der Wüste.“ Wüste, liebe Jüdische Allgemeine?

Ein Bäumchen in der "Wüste"? (Bild: Jüdische Allgemeine)

Was dem Leser wieder einmal nicht mitgeteilt wird: Das Bild ist östlich (!) Jerusalems, inmitten der Westbank aufgenommen.3 Und zwar in der Nähe von Ma’ale Adumin, mit nahezu 40.000 Kolonisten einer der größten illegalen Siedlungen im Westjordanland. Über 80% des Bodens, auf dem diese Siedlung gebaut wurde, ist palästinensischer Privatbesitz.4 Der Aduminblock ist Teil des Plans, nach dem Ostjerusalem mittels eines Rings von Siedlungen gänzlich eingeschlossen werden soll, um es  faktisch und endgültig  zu annektieren.

Abgesehen davon, dass der Artikel des Rabbiners kein Wort über die dauernden Abholzungen palästinensischer Olivenbäume verliert,5 kommt man nicht umhin ihn als das zu lesen, was er ist: die Propagierung der illegalen Landnahme im Westjordanland.  Oder wie soll man einen Artikel verstehen, der die Überschrift „Bebaue und bewache“ besitzt und dem wieder einmal Bilder aus der Westbank beigefügt sind? Gerade jetzt, wo die israelische Regierung die Friedensverhandlungen in größte Gefahr bringt, indem die die rechtsextremen Siedler fleißig weiter Häusle bauen lässt, staunt man nicht schlecht über so viel Dummheit und Frechheit dieser Wochenzeitung. Aber ist ja alles gar nicht so gemeint, was? Na dann…

  1. http://schmok.blogsport.eu/2010/08/09/unterstutzt-die-judische-allgemeine-den-siedlungsbau/ []
  2. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/8732 []
  3. Die Originalunterschrift des Bildes aus dem Flash 90-Archiv lautet: „The Israel Border Police soldiers planted trees Jan 28 2010 for the holiday of Tu Bishvat near their base in Adumim’s fortress, east of Jerusalem.“ []
  4.  http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/6168752.stm []
  5. Ein etwas älterer Artikel dokumentiert die dauerhafte Zerstörung von Olivenbäumen: http://www.haaretz.com/print-edition/news/rights-group-69-cases-of-palestinian-olive-trees-destroyed-but-no-prosecutions-1.3488 []

Juden haben gemeinsame Gene!

Dienstag, September 7th, 2010

…das schrieb zumindest die Jüdische Allgemeine im Juni 2010. Also noch vor Sarrazin. „Kinder Abrahams – Neueste Forschungen bestätigen die gemeinsame nahöstliche Herkunft aller Juden„. Absurd, wenn man bedenkt, dass Stephan Kramer jetzt doch über 20 Ecken mit Charlotte Knobloch verwandt sein soll. Warum hat sich eigentlich niemand über diesen nationalistischen Unsinn aufgeregt?

Unterstützt die Jüdische Allgemeine den Siedlungsbau?

Montag, August 9th, 2010

Die Jüdische Allgemeine, Presseorgan des Zentralrats der Juden in Deutschland,1  veröffentlichte während der letzten Woche auf ihrer Startseite2 als Hauptartikel einen Beitrag des Rabbiners Jaron Engelmayer. „Aus Liebe zum Land – Warum Zionismus und Religion zusammengehören“. 3 In diesem Artikel erklärt Rabbi Engelmayer die Gründe, warum orthodoxe Juden immer mehr mit dem Zionismus zusammenwachsen. Man kann diesen Artikel einfach historisch betrachten und die Inbesitznahme des Landes Israels, von der Engelmayer in seinem Artikel zitierend spricht, in die Vergangenheit legen: zwischen die erste Aliyah und die Gründung Israels bzw. den Sechstagekrieg. Dann würde Engelmayers Beitrag nichts anders sein, als eine Erklärung, warum der israelische Staat in seinen international anerkannten und festgelegten Grenzen von 1967 auch religiösen Menschen eine Heimat sein kann und darum auch von Gläubigen oder gar Orthodoxen verteidigt gehört. Niemand kann etwas dagegen sagen, wenn Menschen sich gegen Gewalt, die ihnen angetan wird, wehren.4 Dazu gehört auch oftmals, dass man andere Menschen, die sich der eigenen Gruppe zugehörig fühlen, dafür gewinnt, die gemeinsame „Heimat“ zu verteidigen, sei es materiell oder moralisch.5

Eine Siedlerin im Westjordanland (Foto: Jüdische Allgemeine)

Ist dem so? Geht es Rabbi Engelmayer hier nur um eine gerechtfertigte Verteidigung Israels? Und dachte er dabei gar nicht an die Siedlungen? Oder muss man hier Zweifel anbringen? Wenn der Rabbiner also keineswegs die Intention hatte, den illegalen Siedlungsbau, der zu einem der größten Hindernisse für eine Zweistaatenlösung und einen gerechten Frieden für Palästinenser und Israelis geworden ist, zu rechtfertigen, dann ist jedoch der Jüdischen Allgemeinen der Vorwurf zu machen, dem Artikel gerade ein solches Bild zuzuweisen.

„Geula: Aus dem jüdischen Staat heraus kann die endgültige Erlösung kommen.“

So ist das Bild unterschrieben. Nur, dass dieses Bild gar nicht in Israel aufgenommen ist, sondern im zukünftigen Staat Palästina. Um genau zu sein handelt es sich hier um den Außenposten Bnei Adam, einige Kilometer östlich der Siedlung Geva Binyamin.6  Geva Binyamin (und damit auch der Außenposten Bnei Adam) zählt zu den Siedlungen, die bekannt sind für ihre rechtsextremen Siedler7 und illegale Annexion palästinensischen Landes.8 Das Bild9 zeigt eine Siedlerin bei einer Tour, die von der Aktivistin Nadia Matar angeführt wird, eine bekannte Extremistin der „Women in Green“, die dafür eintreten, nicht einen Quadratzentimeter an erobertem Land an die Palästinenser zurückzugeben.10

Im Kontext des Bildes erscheint dann auch das, was Rabbi Engelmayer in dem Beitrag auf der Seite der Jüdischen Allgemeinen schreibt, in einem ganz anderem Lichte:

„Jedes Mal, wenn G’tt unseren Vorvätern erschien, um Verheißungen zu machen, dann versprach er ihnen, dass sie zu einem großen Volk werden und das Land Israel in Besitz nehmen würden. Dort sehen wir, dass Religion und Zionismus untrennbar miteinander verbunden waren – und bis heute eine Einheit bilden.“

Liebe Jüdische Allgemeine: Ziemlich gewagt.

  1. Der Geschäftsführer ist der Vize des Zentralrats, Dr. Graumann; Herausgeber ist der Zentralrat der Juden in Deutschland []
  2. Ob der Artikel mit entsprechend in der Printausgabe war, habe ich bisher nicht überprüft. []
  3. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/8340 []
  4. Ob sich Israel immer nur wehrt oder im Moment eher der hauptsächliche Akteur ist, soll hier dieses mal nicht Thema sein. []
  5. Genauso wenig, was an so einer Heimat denn so dran ist. []
  6. http://www.peacenow.org.il/site/en/peace.asp?pi=58&docid=1603 []
  7. http://www.ynet.co.il/english/articles/0,7340,L-3761590,00.html []
  8.  http://hosting-source.bronto.com/11522/public/documents/JabaPetition11Nov09ENGSUM.pdf []
  9. http://www.flash90.co.il/fotoweb/Preview.fwx?position=146&archiveType=ImageFolder&sorting=ModifiedTimeAsc… []
  10. Der Originaltext zum Bild aus dem Archiv lautet:

    „A religious Jewish woman holds an Israeli flag at the Jewish settlement of Bnei Adam, where she along with other Jews attended a tour led by activist Nadia Matar (not seen) of the Jewish settlements in the West Bank. Bnei Adam is a group of shacks and other structures spread out over a few acres. The first families arrived in 2004 – long after the March 2001 deadline after which start-up neighborhoods are included on the “to be destroyed” list of the United States government. No major attempts have been made to raze the entire outpost, but security forces have recently destroyed a few of the trailers set up there. September 23, 2009“

    Zu den „Frauen in Grün“ siehe auch deren eigene Homepage. Dies reicht aus, um sich einen Eindruck über diese Extremistinnen zu verschaffen: http://www.womeningreen.org/ []

Sabine Brandes: Straight from Tel Aviv

Freitag, August 6th, 2010

Fast hätte ich ja geglaubt, dass Sie – endlich einmal – bei dem ganzen Stumpfsinn, den sie aus Tel Aviv bloggend dem deutschsprachigen Leser der Jüdischen Allgemeinen zumuten, einen richtigen Gedanken gehabt haben könnten. Auch ein blindes Huhn findet ja bekanntlich öfters ein Korn:

Umgeben von Feinden, einer ständiger Bedrohung ausgetzt1, ständig mit Wassermangel und chaotischem Verkehr sowie politischen Krisen konfrontiert.2

Genau, bei dem ganzen Wasser, was die 500.000 Siedler den Palästinensern für ihre Swimmingpools klauen und umgeben von einer bis an die Zähne bewaffneten Armee lebt es sich nicht sehr angenehm, während die Checkpoints und Straßenblockaden ihr übriges tun, um das Verkehrschaos komplett zu machen. Und um die Wirtschaft ist es aufgrund restriktiver Ein- und Ausfuhrbestimmungen des Besatzers Israel auch nicht so gut gestellt.  Auch politisch steckt der zukünftige Staat Palästina ziemlich in der Krise, wo immer mehr Fatahanhänger eigene Splitterparteien oder -gruppen gründen, um sich von dem Sumpf der Korruption abzugrenzen, und man sich zudem bewusst ist, dass die Fatah auch nur immer mehr zum Werkzeug Israels wird. Und bei der ganzen Aufzählung schweigen wir besser von Gaza, da sieht es trotz Lockerung des Embargos immer noch ziemlich düster aus.

Leider kam gleich nur einen Satz weiter die Ernüchterung. Nicht die Palästinenser waren damit gemeint, sondern die Israelis. Die sollen nämlich ziemlich glücklich sein. Und das trotz der ganzen Bedrohung und des Wassermangels. Fragt sich nur, ob auch die arabischen Israelis damit eingeschlossen waren. Deren Miesepetrichkeit wegen der wirklich nur geringfügigen Ungleichbehandlung und Unterdrückung zieht sicherlich ganz schön die Wertung ins Negative.  Aber die kann man ja immer noch loswerden, wie das so mehr als 50% der Israelis sich wünschen. 3 Dann ist man sicher nicht nur auf Platz 8 der »Glücklichkeitsskala« des Gallup World Poll, sondern mindestens noch 2 oder 3 Plätze weiter oben. Shabbat Shalom!

  1. Fehler im Original []
  2. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/8316 []
  3. http://www.israelnationalnews.com/News/Flash.aspx/174891 []

Realitätsverlust – Heute: Die Jüdische Allgemeine

Sonntag, März 28th, 2010

Es ist schon wirklich bewundernswert, wie man die Realität auszuschalten vermag. Bestes aktuelles Beispiel ist Arthur Cohen in der Online-Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, dem inoffiziellen Propagandablättchen der israelischen Botschaft in Deutschland. Cohen, Filmemacher, rattert in seinem Artikel „Unter Dauerbeschuss – Gazakrieg und Siedlungspolitik“ mal eben den offiziellen israelischen Standpunkt zum letzten Massaker herunter. Da lohnt sich doch, diesen Artikel mal ein wenig näher zu betrachten:

In jüngster Zeit wirkte Israel international isoliert. Der Präsident der Jewish Agency, Natan Sharansky, betonte mir gegenüber, dass die Aggressivität antiisraelischer – und gleichzeitig meist auch antisemitischer – Stimmungsmache in vergangenen Jahrzehnten nie so intensiv gewesen war, wie es derzeit der Fall ist. Der Auslöser dafür ist zweifellos der Goldstone-Bericht über den Gazakrieg, in dem falsche Beschuldigungen (sic!) gegen Israel bei völliger Absenz (sic!) von nachweisbaren Fakten erhoben werden. Die Hamas verfolgte mit Absicht die Politik, Raketen aus dicht bevölkerten Gebieten abzuschießen, ihre Kämpfer in normaler Kleidung einzusetzen, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen und riesige Waffenmengen in Moscheen zu lagern. Keine dieser Aktionen löste eine Intervention der UN aus, deren sogenannte Menschenrechtskommission wiederum die Hälfte aller Sitzungen der vergangenen Jahre erschreckend einseitig Israel »widmete«.

Alles Lügen - weißes Phosphor wurde nie auf Zivilisten abgeschossen

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