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Mörderische Hamas oder mörderisches Israel?

Dienstag, November 23rd, 2010

Vor einigen Wochen veröffentlichte Raja Abdulaq auf Electronic Intifada ein Essay über das Verhältnis der Fatah zur Hamas. Die Fatah, die zur Zeit unter Abbas die Friedensgespräche mit der israelischen Regierung führe, habe zwei Optionen: Kolloberation mit Israel oder Aussöhnung mit der Hamas. Getrennt davon, ob es das Ziel sein kann, sich mit der Hamas auszusöhnen, rief folgender Absatz meine Aufmerksamkeit auf sich:

„Hamas’s attacks against Israeli soldiers escalated in response to the Oslo accords and its terms, which in Hamas’s opinion was biased in Israel’s favor and abandoned basic Palestinian rights. It is worth noting that Hamas initiated its first suicide bomb attack against Israeli civilians just weeks after Israeli settler Baruch Goldstein massacred dozens of Palestinians praying in Hebron’s Ibrahimi Mosque on 25 February 1994. Since then, Hamas has continuously offered Israel to come to an agreement to avoid civilian deaths on both sides, but Israel has always refused.“1

Dass das Massaker an den Betenden in der Moschee durch Baruch Goldstein den Auftakt zu den mörderischen Selbstmordattentaten – nicht nur der Hamas – darstellte, ist mittlerweile den meisten bekannt. Dass die Hamas aber Israel mehrmals anbot, auf jegliche Angriffe auf Zivilisten zu verzichten, wenn Israel seinerseits solche als Ziele aussparen würde, dies war mir allerdings neu. Zwar hatte die Hamas mehrmals einen Waffenstillstand angeboten oder einseitig erklärt. Diese wurden auch wiederholt von Israel gebrochen.2 Aber bisher war mir unbekannt geblieben, dass die Hamas Israel jemals angeboten hatte, einen lediglich auf militärische Ziele und damit wahrscheinlich auf die besetzten Gebiete beschränkten Konflikt zu führen.

Raja Abdulhaq wies mich auf Nachfrage auf folgende Umstände hin: Schon in den 90ern hatte z.B. Sheikh Ahmed Yassin, bei dessen Exekution durch Israel im Jahre 2004 neun weitere Menschen getötet und 15 verletzt wurden3, Israel angeboten, Zivilisten als Ziele auszunehmen, wenn Israel ebenfalls darauf verzichten würde.4 Alleine zwischen dem Beginn der Zweiten Intifada im September 2000 und November 2010 starben mehr als 2995 Palästinenser, die nicht an Kämpfen beteiligt waren5. Tausende mehr wurden verwundet.6

Im Jahre 2003 bot der später durch Israel liquidierte Nachfolger Yassins Israel ebenfalls an, Angriffe auf Zivilisten einzustellen. Arnon Regular schrieb damals in der Haaretz:

A senior Hamas spokesman in Gaza, Abdel Aziz Rantisi, who usually represents movement hardliners, said on Friday: „The Hamas movement is prepared to stop terror against Israeli civilians if Israel stops killing Palestinian civilians … We have told (Palestinian Authority Prime Minister) Abu Mazen in our meetings that there is an opportunity to stop targeting Israeli civilians if the Israelis stop assassinations and raids and stop brutalizing Palestinian civlilians.“7

Im Jahr 2008, noch vor dem Gaza-Massaker, wurde ein solches Angebot auch von Khaled Meshal, dem jetztigen Führer der Hamas, wiederholt. Die Jerusalem Post schrieb unter der Überschrift „Mashaal offers to stop civilian attacks“:

Hamas has offered Israel a deal in which both sides would refrain from attacking civilian targets, the group’s Damascus-based leader Khaled Mashaal said.

In an interview with Sky News broadcast Monday, Mashaal said the offer was identical to one made to Israel 10 years ago.

„We renew our offer to Israel to let the civilians on both sides not be a part of this conflict,“ he said. „We renew this offer today.“8

Die Hamas ist ein reaktionärer, mörderischer Haufen. Gleichzeitig scheint Israel das Leben seiner Bürger dann doch nicht so viel wert zu sein, als dass es eben auf die Tötung Unbeteiligter verzichtet und dadurch erzielt, dass die Hamas ebenfalls ihre Angriffe auf Zivilisten und damit einhergehend den Mörser- und Rakatenbeschuss, der als Vorwand für das Gaza-Massaker diente, einstellt. Es geht hier nicht darum, die Hamas als das unschuldige Opfer Israels darzustellen. Gleichzeitig zeigt sich das Bild eben gerade nicht so, dass eben die israelische Seite lediglich Opfer der Umstände ist. Genau wie im Fall der Waffenstillstände nimmt Israel hier den Tod eigener Zivilisten bewußt in Kauf, um auf seine Praxis, die seit Jahrzehnten einen viel größeren Blutzoll von der palästinenischen Seite fordert, nicht verzichten zu müssen. Das Bild in der westlichen Presse ist aber genau umgekehrt. Israel, das nur reagiert, da die Hamas immer wieder Zivilisten angreift. Mörderische, antisemitische Hamas? Ja, aber gleichzeitig ein nicht minder mörderisches Israel. Denn die Ökonomie der Besatzung scheint mehr wert zu sein, als das Leben der eigenen Bevölkerung.

  1. Raja Abdulhaq: Will Fatah choose reconciliation or collaboration?“ – The Electronic Intifada, 26 Oktober 2010; Hervorhebung durch Schmok []
  2. Vgl. dazu im Zeitraum nach der Machtübernahme der Hamas in Gaza: Schmok: Reagiert Israel nur auf die Hamasanschläge?“ – 5. September 2010 []
  3. Dies stellt keinen Einzelfall dar. Bei vielen „gezielten Tötungen“ durch das israelische Militär und den Geheimdienst starben Unzählige Unbeteiligte, zwischen 2000 und 2006 alleine mehr als 100; vgl. „Israeli court declines to issue ban on targeted killing of militants – Africa & Middle East – International Herald Tribune“ – New York Times, 14. Dezember 2006 []
  4. Vgl. dafür z.B. die siebte Episode einer Sendung mit ihm auf AlJazeera; Übersetzung durch Google []
  5. Ohne die Opfer gezielter Tötungen. []
  6. Quelle: B’Tselem: „Fatalities“: http://www.btselem.org/English/Statistics/Casualties.asp []
  7. Arnon Regular: „Hamas: Cease-fire is a viable option“ – Haaretz, 25. Mai 2003; Hervorhebung durch Schmok []
  8. Mashaal offers to stop civilian attacks“ – Jerusalem Post, 31. März 2008 []