Posts Tagged ‘1948’

„Wenn wir die Chance hätten, würden wir euch einen nach dem anderen erschießen!“

Montag, April 30th, 2012

In Tel Aviv wollen 15 Aktivisten am Independence Day der Nakba, der Vertreibung von mehr als 750.000 Palästinensern und der Zerstörung oder Inbesitznahme ihrer Dörfer vor und während des Gründungskriegs 1948, erinnern. Eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Und eine Provokation für jeden Nationalisten:

„Bis an die Zähne bewaffnet“

Donnerstag, April 26th, 2012

Liebste Sabine Brandes,

Sie, die Sie da sind unsere Lieblingskriegsberichterstatterin aus Tel Aviv, feiern fröhlich in der neuesten Onlineausgabe der israelischen Botschaft der Jüdischen Allgemeinen die Reinheit der Waffen ab.  Aber über Ihren offenen Militarismus wollen wir hier und heute gar nicht sprechen. Es reicht, dass sie den jährlich wieder neu aufgelegten Mythos von den unterlegenen israelischen Streitkräften wiederholen. Erst vor kurzem hatte ihr Kollege Wuliger ja ähnliches verlauten lassen. Unter dem schönen Titel „Vier Generationen, eine Einheit“ eifern Sie diesem dann auch fleißig nach und schreiben:

Schon einen Tag, nachdem der erste Ministerpräsident David Ben Gurion den jüdischen Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen hatte, standen die militärischen Mächte von Ägypten, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Irak und Libanon an sämtlichen Grenzen. Bis an die Zähne bewaffnet und in ihrer Zahl den jüdischen Kämpfern haushoch überlegen.

[…]

Mit dem Mut der Verzweiflung schlugen sie die übermächtigen Feinde in die Flucht.

Man kann es eigentlich gar nicht oft genug wiederholen. Vielleicht bliebt ja irgendwann einmal etwas bei Ihnen hängen:1

Sehen wir erst einmal davon ab, dass während des Bürgerkriegs zwischen November 1947 und Mai 1948 mehr als 30.000 jüdische Milizionäre lediglich etwa 3000 palästinensischen Milizionären gegenüberstanden, weil die arabische Seite durch den anti-britischen Aufstand 1936-1939 sowohl politisch als auch militärisch kopflos und völlig zerstreut war: viele der Führer waren getötet worden oder ins Exil gegangen und die britische Armee hatte die bewaffneten Milizen und Banden  weitgehend aufgerieben.

Es war also gerade diese völlige Abwesenheit jeglichen organisierten militärischen Widerstandes der palästinensischen Seite, durch den es den jüdischen Streitkräften  gelang, in den Monaten November 1947 bis Mai 1948 mehr als 250.000 Palästinenser zu vertreiben, noch bevor der eigentliche Krieg dann Mitte Mai überhaupt los ging und die arabischen Truppen den neu gegründeten israelischen Staat angriffen. Benny Morris, einer der führenden zionistischen Historiker, schreibt in seinem Buch „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“:

On the eve of the war, the Haganah had altogether 35.000 members.2

Im Juni waren es dann schon 42.000 gut ausgerüstete und wie – sie richtigerweise sagen – hoch motivierte jüdische Soldaten. Die arabische Seite konnten zu dieser Zeit 28.000 Soldaten aufbringen. Sie bestand aus 5.500 Ägypter, 6000-9000 arabische Legionären, 6000 syrische Truppen, 4.500 Irakern, einer Handvoll von Libanesen sowie die Überreste der palästinensischen Milizen und Freiwilligen. Im Juli waren es schon 65.000 jüdische Soldaten gegenüber 40.000 Arabern, im Frühjahr 1949 dann 115.000 Soldaten bei etwas mehr als 55.000 arabischen Soldaten.3

Beachtenswert ist hier zudem, dass unter den arabischen Truppen Ende 1948 alleine 18.000 Jordanier waren, die zumindest nach der Besetzung des heutigen Westjordanlandes und einigen Scharmützeln mit der neu gegründeten IDF Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten. Warum? Der jordanische König hatte ein Geheimabkommen mit der israelischen Führung geschlossen, dass dieser lediglich das heutige Westjordanland besetzen sollte. Durch dieses Abkommen wurde die stärkste Fraktion der arabischen Seite neutralisiert. Von der Bewaffnung und dem Nachschub beider Konfliktparteien sowie den Streitereien und der Führungslosigkeit der arabischen Seite wollen wir erst gar nicht anfangen. Da sah es im Verhältnis ähnlich aus und spricht nicht gerade für eine „Übermacht“ der arabischen Truppen.

Stimmt irgendetwas an den aufgeführten Fakten nicht? Dann widerlegen Sie diese doch bitte. Ich lasse mich gerne belehren. Andernfalls fragt man sich, warum Sie noch immer versuchen die Realität zu leugnen und zu verdrehen. Würde das etwas an ihrem selbst gebastelten Weltbild ändern, wenn sie dieser endlich einmal ins Auge sehen würden? Brauchen sie diesen Mythos, um das hier und jetzt vom immer bedrohten jüdischen Staat und die fortwährenden Kriege gegen die israelischen Nachbarn zu rechtfertigen? Warum sind sie nicht so ehrlich wie ein Benny Morris, der wenigstens sagt: Ja, „wir „haben vertrieben. Aber „wir“ haben nur nicht genug vertrieben.

Eine schöne Restwoche wünscht ihnen:

Schmok

  1. Jaja, manch einem der Leser wird das ewige Wiederholen vielleicht langweilen. []
  2. Benny Morris – „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“, Seite 193 []
  3. Benny Morris – ebd., Seite 217 []

Arte zeigt: „The Promise“ – Wuliger schreit auf

Donnerstag, April 19th, 2012

Arte zeigt heute ab 20.15 Uhr die ersten beiden Teile der britischen TV-Serie „The Promise – Gelobtes Land“ (Anm.: Die ersten beiden Teile sind noch eine gewisse Zeit online zu sehen, siehe unten; die anderen werden nach dem zweiten Sendetermin ebenfalls online anzuschauen sein). In seinem Vierteiler lässt der Regisseur Peter Kominsky die fiktive junge Engländerin Erin mit ihrer zum Wehrdienst einberufenen Freundin Eliza nach Israel reisen, wo sie tief in den dortigen Konflikt und die Besatzung verwickelt wird.

Die Geschichte springt hin und her zwischen ihrem Besuch in Israel und dem Jahre 1948, als ihr Großvater als junger Soldat im damaligen Mandatsgebiet stationiert war. Wer den Inhalt genauer erfahren will, sollte einfach  das Programm bei Arte lesen. Das muss ich hier nicht alles wiedergeben. Interessant ist da doch eher die Reaktion der hiesigen Presse.

Michael Wuliger stimmt in der Jüdischen Allgemeinen heftige Töne gegen die Serie an und meint sogar eine Geschichtsfälschung auszumachen:

Im arte-Programmheft heißt es, Regisseur Kosminsky habe acht Jahre lang in Archiven und vor Ort für die Produktion recherchiert. In der Tat lassen sich praktisch alle Szenen mit dokumentierten Fakten belegen. Die Perfidie liegt in der Auswahl. Der von beiden Seiten geführte Krieg 1948 wird dargestellt als Angriff einer jüdischen Übermacht auf unbewaffnete Araber; von den palästinensischen Massakern an Juden vor 1948 ist nur in einem einzigen Halbsatz einmal die Rede; aktuell kommt ebenfalls nur einmal am Rande ein Selbstmordanschlag vor.

So müsste man ihn doch zumindest einmal von den Fakten her auf folgendes hinweisen:

Der Film spielt im Jahre 1948. Also weit ab der Massaker an Juden. Sie sind schlicht und einfach nicht das Thema. Und ja, es gab  ein Übermacht auf  israelischer Seite. 36.000 jüdische Soldaten (Haganah, Palmach, Irgun) standen bis Mai 1948 ca. 3000 schlecht bewaffneten und versprengten Palästinensern und einigen Freiwilligen gegenüber.  Ab Mai 1948 waren es dann schon 42.000  jüdische Soldaten gegen 28.000 schlecht ausgebildete und auch schlecht motivierte arabischen Soldaten, die bis dahin an an den Grenzen zum britischen Mandatsgebiet standen, ohne gegen die anhaltende Vertreibung anzugehen. In diese 28.000 Soldaten  inbegriffen sind die durch ein Geheimabkommen zwischen dem jordanischen König und der Führung unter Ben Gurion neutralisierten jordanischen Truppen. Zum Ende des Krieges hatte die IDF eine Stärke von 115.000 Soldaten, die arabische Seite 55.000. Davon waren alleine 18.000 Jordanier, die  zumindest bis zum Angriff der IDF auf Stellungen im heutigen Westjordanland Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten.

Zumindest zu Beginn war es demnach wirklich eine Übermacht jüdischer Truppen gegen fast unbewaffnete Araber, auch wenn sich das Verhältnis später auf „lediglich“ 2:1 zugunsten der israelischen Truppen veränderte. Nicht umsonst konnten die jüdischen Verbände fast ungestört bis zum 3.Mai 1948, also noch vor der Gründung Israels und dem Angriff der arabischen Nachbarstaaten, bis zu 250.000 Palästinenser vertreiben (Januar bis Mai 1948). Erst danach marschierten die arabischen Einheiten über die Grenze. Die weiteren Vertreibungen wurden übrigens sogar während der Waffenruhen (11. Juni – 8 Juli und 18. Juli – 15. Oktober 1948) fortgesetzt und hielten bis zur Waffenruhe mit Ägypten (Februar 1949) an.

So viel zu den Fakten, die ein jeder in den verschiedenen Standardwerken wie  beispielsweise von Benny Morris oder bei Tom Segev nachlesen kann. Aber Michael Wuliger meint hier scharfe Kritik üben zu müssen:

Damit ist die Grenze von der selektiven Wahrnehmung zur Geschichtsfälschung überschritten.

Die Geschichtsfälschung, Herr Wuliger, kam die letzten Jahrzehnte wohl eher von der anderen Seite und ihren vermeintlichen „Freunden“. Auch wenn sie diesen Film nur „14 Tage nach dem Grass-Gedicht“ als „das zweite mediale anti-israelische Großereignis der Saison“ betiteln: die gespielte oder echte Empörung ändert nur wenig an der Richtigkeit der Darstellungen. Und auch das durch den Regisseur gewählte Verhältnis an gegenseitiger Gewalt entspricht mehr als nur der Realität. Wuliger versucht aus einem Film, der schonungslos diese gegenseitige Gewalt thematisiert, aber dabei nicht aus den Augen verliert, wer dort wer wen vertrieben hat und noch immer unterdrückt und bedroht, gleichzeitig aber den Dialog preist, eine anti-israelische Propaganda zu machen. Die Realität sehen wir jedoch jeden Tag im Westjordanland, in Gaza und auch in Israel selbst.

»Gelobtes Land«, arte, Freitag, 20. und 27. April, jeweils 20.15 Uhr

Teil 1: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_1_4_-6597938.html

Teil 2: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_2_4_-6597942.html

Zur Lage der palästinensischen Flüchtlinge im Libanon

Sonntag, Januar 9th, 2011

Über die Lage der mehr als 400.000 palästinensischen Flüchtlinge im Libanon ist den meisten nur wenig bekannt. Welchen Einschränkungen und Repressionen diese unterworfen werden, zeigt eine Mitte 2010 erschienene Analyse von Dalal Yassine auf Al-Shabaka: „Unwelcome Guests: Palestinian Refugees in Lebanon“.

Lia Tarachansky: Seven Deadly Myths

Samstag, Januar 8th, 2011

Die israelisch-kanadische Journalistin Lia Tarachansky arbeitet derzeit an einer Dokumentation über den Umgang der israelischen Gesellschaft mit der Nakba, der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung während der Jahre 1947 bis 1952. Darin will sie die „Sieben tödliche Mythen“ Israels aufzeigen:

„Sieben tödliche Mythen“ untersucht den Begriff der Verleugnung, des Wissens und Nichtwissens zum gleichen Zeitpunkt. Es beginnt als die Regisseurin Lia Tarachansky zu ihrer im Westjordanland gelegenen Siedlung Ariel zurückkeht. Sie entdeckt, als wäre es das erste Mal, dass diese von palästinensischen Dörfern umgeben ist. Sie lernt, dass die Palästinenser nicht zufällig unsichtbar gemacht wurden und dass ihre Vertreibung nicht erst in der Westbank begann. In diesem Film spricht sie mit denjenigen, die dieses Projekt der Enteignung begannen.

Dabei will Lia Tarachansky die „sieben tödlichen Mythen“ widerlegen:

1)   Die Zionisten akzeptierten den UN-Teilungsplan und und waren für den Frieden

2)   Die Araber wiesen den Teilungsplan zurück und begannen den Krieg.

3)   Die Palästinenser flohen freiwillig und planten die Rückeroberung

4)   Die arabischen Staaten hatten sich vereint, um die Juden aus Palästina zu vertreiben

5)   Die arabische Invasion machte den Krieg unausweichbar

6)    Ein verteidigungsunfähiges Israel sah sich der Zerstörung durch den arabischen Goliath gegenüber

7) Israel suchte anschließend Frieden, aber kein arabischer Führer antwortet.1

Ein so umfassendes Thema in eine nur 55 Minuten lange Dokumentation zu fassen, läuft Gefahr zu verkürzen und auch bestimmte Fakten aus der Parteinahme für die Palästinenser auszublenden. Gleichzeitig sind heute alle diese von ihre angesprochenen Themen nicht mehr allzu strittig: Schon Nr. 3 scheint heute kein Mythos mehr zu sein, sondern die Vertreibung wird inzwischen allgemein (vor allem durch die Arbeit israelischer Historiker) anerkannt. Selten wird noch behauptet, die Palästinenser seien freiwillig geflohen. Man darf gespannt sein, ob sie ihr Vorhaben umsetzen kann.

http://www.youtube.com/watch?v=5hmm9MTwkxs&feature=player_embedded

  1. Eigene Übersetzung der Synopsis: ISRAEL/PALESTINE – SEVEN DEADLY MYTHS []

Benny Morris: der Vorzeigehistoriker

Freitag, April 23rd, 2010

Haaretz veröffentlichte 2004 ein sehr aufschlussreiches und heftiges Interview von Ari Shavit mit Benny Morris.1 Darin rechtfertigte Morris die ethnische Säuberung des zukünftigen israelischen Staates durch die Haganah und durch die israelische Armee, bestätigt aber gleichzeitig schon damals das erst zwei Jahre später erscheinende Buch von Ilan Pappe2. Morris steht dabei exemplarisch für den aufgeklärten, säkularen pro-westlichen  Zionisten, der den ganzen Konflikt auf den Islam und die arabische Kultur zurückführt. Gabriel Ash schrieb damals eine Antwort3 auf Morris, welche abgesehen von ein wenig Küchenpsychologie sehr genau analysiert, wie und was Morris da eigentlich rechtfertigt, und den ganzen Rassismus offenlegt, soweit Morris das mit seinen Aussagen nicht selber schon zu genüge tat. Gerade im Licht des 62. Jubiläums der israelischen Staatsgründung und der neuesten Militärgesetzgebung, welche die Ausweisung zehntausender Menschen aus der Westbank vorbereitet4, gewinnt das ganze Interview und die Antwort an Aktualität.

Benny Morris: Ein israelischer Historiker mit der Mentalität der europäischen Siedler

Der israelische Historiker Benny Morris überschritt neuerlich eine Grenze, als er seine akademische Qualifikation und sein Ansehen dafür hergab, einen zukünftigen Völkermord an den Palästinensern „moralisch“ zu rechtfertigen.

Benny Morris ist der israelische Historiker, der in der Geschichtsschreibung über das Jahr 1948 der palästinensischen Sicht in besonderem Maße Recht gab. Das Leben von ungefähr siebenhunderttausend Menschen wurde zerstört, als sie von der jüdischen Miliz (und später von der israelischen Armee) zwischen Dezember 1947 und Anfang 1950 aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Morris ging die israelischen Archive durch und berichtete akribisch über die Vertreibung. Er dokumentierte jedes „ethnisch gesäuberte“ Dorf und jeden Gewaltakt, von dem Aufzeichnungen vorhanden waren, und stellte diese Ereignisse in den Kontext der militärischen Ziele und Wahrnehmungen der Täter. (mehr …)

  1. „Survival of the fittest“, Haaretz, 2004; Teil 1: http://www.haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=380986&contrassID=2 Teil 2: http://www.haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=380984 []
  2. Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas, 2007; in Englisch erschienen 2006 []
  3. auf englisch erschienen bei Dissident Voice; die leicht gekürzte deutsche Übersetzung erschien auf – zugegeben in vielen Hinsichten sehr fragwürdigen – Homepage der AIK Campo Antiimperialista []
  4. siehe auch unter http://schmok.blogsport.eu/2010/04/17/das-neue-israelische-militargesetz-fur-das-westjordanland/ []