Archive for the ‘Zionismus’ Category

„Bis an die Zähne bewaffnet“

Donnerstag, April 26th, 2012

Liebste Sabine Brandes,

Sie, die Sie da sind unsere Lieblingskriegsberichterstatterin aus Tel Aviv, feiern fröhlich in der neuesten Onlineausgabe der israelischen Botschaft der Jüdischen Allgemeinen die Reinheit der Waffen ab.  Aber über Ihren offenen Militarismus wollen wir hier und heute gar nicht sprechen. Es reicht, dass sie den jährlich wieder neu aufgelegten Mythos von den unterlegenen israelischen Streitkräften wiederholen. Erst vor kurzem hatte ihr Kollege Wuliger ja ähnliches verlauten lassen. Unter dem schönen Titel „Vier Generationen, eine Einheit“ eifern Sie diesem dann auch fleißig nach und schreiben:

Schon einen Tag, nachdem der erste Ministerpräsident David Ben Gurion den jüdischen Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen hatte, standen die militärischen Mächte von Ägypten, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Irak und Libanon an sämtlichen Grenzen. Bis an die Zähne bewaffnet und in ihrer Zahl den jüdischen Kämpfern haushoch überlegen.

[…]

Mit dem Mut der Verzweiflung schlugen sie die übermächtigen Feinde in die Flucht.

Man kann es eigentlich gar nicht oft genug wiederholen. Vielleicht bliebt ja irgendwann einmal etwas bei Ihnen hängen:1

Sehen wir erst einmal davon ab, dass während des Bürgerkriegs zwischen November 1947 und Mai 1948 mehr als 30.000 jüdische Milizionäre lediglich etwa 3000 palästinensischen Milizionären gegenüberstanden, weil die arabische Seite durch den anti-britischen Aufstand 1936-1939 sowohl politisch als auch militärisch kopflos und völlig zerstreut war: viele der Führer waren getötet worden oder ins Exil gegangen und die britische Armee hatte die bewaffneten Milizen und Banden  weitgehend aufgerieben.

Es war also gerade diese völlige Abwesenheit jeglichen organisierten militärischen Widerstandes der palästinensischen Seite, durch den es den jüdischen Streitkräften  gelang, in den Monaten November 1947 bis Mai 1948 mehr als 250.000 Palästinenser zu vertreiben, noch bevor der eigentliche Krieg dann Mitte Mai überhaupt los ging und die arabischen Truppen den neu gegründeten israelischen Staat angriffen. Benny Morris, einer der führenden zionistischen Historiker, schreibt in seinem Buch „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“:

On the eve of the war, the Haganah had altogether 35.000 members.2

Im Juni waren es dann schon 42.000 gut ausgerüstete und wie – sie richtigerweise sagen – hoch motivierte jüdische Soldaten. Die arabische Seite konnten zu dieser Zeit 28.000 Soldaten aufbringen. Sie bestand aus 5.500 Ägypter, 6000-9000 arabische Legionären, 6000 syrische Truppen, 4.500 Irakern, einer Handvoll von Libanesen sowie die Überreste der palästinensischen Milizen und Freiwilligen. Im Juli waren es schon 65.000 jüdische Soldaten gegenüber 40.000 Arabern, im Frühjahr 1949 dann 115.000 Soldaten bei etwas mehr als 55.000 arabischen Soldaten.3

Beachtenswert ist hier zudem, dass unter den arabischen Truppen Ende 1948 alleine 18.000 Jordanier waren, die zumindest nach der Besetzung des heutigen Westjordanlandes und einigen Scharmützeln mit der neu gegründeten IDF Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten. Warum? Der jordanische König hatte ein Geheimabkommen mit der israelischen Führung geschlossen, dass dieser lediglich das heutige Westjordanland besetzen sollte. Durch dieses Abkommen wurde die stärkste Fraktion der arabischen Seite neutralisiert. Von der Bewaffnung und dem Nachschub beider Konfliktparteien sowie den Streitereien und der Führungslosigkeit der arabischen Seite wollen wir erst gar nicht anfangen. Da sah es im Verhältnis ähnlich aus und spricht nicht gerade für eine „Übermacht“ der arabischen Truppen.

Stimmt irgendetwas an den aufgeführten Fakten nicht? Dann widerlegen Sie diese doch bitte. Ich lasse mich gerne belehren. Andernfalls fragt man sich, warum Sie noch immer versuchen die Realität zu leugnen und zu verdrehen. Würde das etwas an ihrem selbst gebastelten Weltbild ändern, wenn sie dieser endlich einmal ins Auge sehen würden? Brauchen sie diesen Mythos, um das hier und jetzt vom immer bedrohten jüdischen Staat und die fortwährenden Kriege gegen die israelischen Nachbarn zu rechtfertigen? Warum sind sie nicht so ehrlich wie ein Benny Morris, der wenigstens sagt: Ja, „wir „haben vertrieben. Aber „wir“ haben nur nicht genug vertrieben.

Eine schöne Restwoche wünscht ihnen:

Schmok

  1. Jaja, manch einem der Leser wird das ewige Wiederholen vielleicht langweilen. []
  2. Benny Morris – „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“, Seite 193 []
  3. Benny Morris – ebd., Seite 217 []

60 Minutes: Israels Botschafter schafft Präzendenzfall

Montag, April 23rd, 2012

Derber Rückschlag für „Branding Israel“: 60 Minutes, das erfolgreichste Nachrichtenmagazin in der USA, berichtet über palästinensische Christen. Michael Oren, israelischer Botschater, protestierte noch vor Ausstrahlung…und demontierte sich selbst: „’60 Minutes’ profiles Palestinian Christians, Michael Oren falls on his face“Mondoweiss, 22. April 2012

Arte zeigt: „The Promise“ – Wuliger schreit auf

Donnerstag, April 19th, 2012

Arte zeigt heute ab 20.15 Uhr die ersten beiden Teile der britischen TV-Serie „The Promise – Gelobtes Land“ (Anm.: Die ersten beiden Teile sind noch eine gewisse Zeit online zu sehen, siehe unten; die anderen werden nach dem zweiten Sendetermin ebenfalls online anzuschauen sein). In seinem Vierteiler lässt der Regisseur Peter Kominsky die fiktive junge Engländerin Erin mit ihrer zum Wehrdienst einberufenen Freundin Eliza nach Israel reisen, wo sie tief in den dortigen Konflikt und die Besatzung verwickelt wird.

Die Geschichte springt hin und her zwischen ihrem Besuch in Israel und dem Jahre 1948, als ihr Großvater als junger Soldat im damaligen Mandatsgebiet stationiert war. Wer den Inhalt genauer erfahren will, sollte einfach  das Programm bei Arte lesen. Das muss ich hier nicht alles wiedergeben. Interessant ist da doch eher die Reaktion der hiesigen Presse.

Michael Wuliger stimmt in der Jüdischen Allgemeinen heftige Töne gegen die Serie an und meint sogar eine Geschichtsfälschung auszumachen:

Im arte-Programmheft heißt es, Regisseur Kosminsky habe acht Jahre lang in Archiven und vor Ort für die Produktion recherchiert. In der Tat lassen sich praktisch alle Szenen mit dokumentierten Fakten belegen. Die Perfidie liegt in der Auswahl. Der von beiden Seiten geführte Krieg 1948 wird dargestellt als Angriff einer jüdischen Übermacht auf unbewaffnete Araber; von den palästinensischen Massakern an Juden vor 1948 ist nur in einem einzigen Halbsatz einmal die Rede; aktuell kommt ebenfalls nur einmal am Rande ein Selbstmordanschlag vor.

So müsste man ihn doch zumindest einmal von den Fakten her auf folgendes hinweisen:

Der Film spielt im Jahre 1948. Also weit ab der Massaker an Juden. Sie sind schlicht und einfach nicht das Thema. Und ja, es gab  ein Übermacht auf  israelischer Seite. 36.000 jüdische Soldaten (Haganah, Palmach, Irgun) standen bis Mai 1948 ca. 3000 schlecht bewaffneten und versprengten Palästinensern und einigen Freiwilligen gegenüber.  Ab Mai 1948 waren es dann schon 42.000  jüdische Soldaten gegen 28.000 schlecht ausgebildete und auch schlecht motivierte arabischen Soldaten, die bis dahin an an den Grenzen zum britischen Mandatsgebiet standen, ohne gegen die anhaltende Vertreibung anzugehen. In diese 28.000 Soldaten  inbegriffen sind die durch ein Geheimabkommen zwischen dem jordanischen König und der Führung unter Ben Gurion neutralisierten jordanischen Truppen. Zum Ende des Krieges hatte die IDF eine Stärke von 115.000 Soldaten, die arabische Seite 55.000. Davon waren alleine 18.000 Jordanier, die  zumindest bis zum Angriff der IDF auf Stellungen im heutigen Westjordanland Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten.

Zumindest zu Beginn war es demnach wirklich eine Übermacht jüdischer Truppen gegen fast unbewaffnete Araber, auch wenn sich das Verhältnis später auf „lediglich“ 2:1 zugunsten der israelischen Truppen veränderte. Nicht umsonst konnten die jüdischen Verbände fast ungestört bis zum 3.Mai 1948, also noch vor der Gründung Israels und dem Angriff der arabischen Nachbarstaaten, bis zu 250.000 Palästinenser vertreiben (Januar bis Mai 1948). Erst danach marschierten die arabischen Einheiten über die Grenze. Die weiteren Vertreibungen wurden übrigens sogar während der Waffenruhen (11. Juni – 8 Juli und 18. Juli – 15. Oktober 1948) fortgesetzt und hielten bis zur Waffenruhe mit Ägypten (Februar 1949) an.

So viel zu den Fakten, die ein jeder in den verschiedenen Standardwerken wie  beispielsweise von Benny Morris oder bei Tom Segev nachlesen kann. Aber Michael Wuliger meint hier scharfe Kritik üben zu müssen:

Damit ist die Grenze von der selektiven Wahrnehmung zur Geschichtsfälschung überschritten.

Die Geschichtsfälschung, Herr Wuliger, kam die letzten Jahrzehnte wohl eher von der anderen Seite und ihren vermeintlichen „Freunden“. Auch wenn sie diesen Film nur „14 Tage nach dem Grass-Gedicht“ als „das zweite mediale anti-israelische Großereignis der Saison“ betiteln: die gespielte oder echte Empörung ändert nur wenig an der Richtigkeit der Darstellungen. Und auch das durch den Regisseur gewählte Verhältnis an gegenseitiger Gewalt entspricht mehr als nur der Realität. Wuliger versucht aus einem Film, der schonungslos diese gegenseitige Gewalt thematisiert, aber dabei nicht aus den Augen verliert, wer dort wer wen vertrieben hat und noch immer unterdrückt und bedroht, gleichzeitig aber den Dialog preist, eine anti-israelische Propaganda zu machen. Die Realität sehen wir jedoch jeden Tag im Westjordanland, in Gaza und auch in Israel selbst.

»Gelobtes Land«, arte, Freitag, 20. und 27. April, jeweils 20.15 Uhr

Teil 1: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_1_4_-6597938.html

Teil 2: http://videos.arte.tv/de/videos/gelobtes_land_2_4_-6597942.html

Beinart: Boykottiert die Siedlungen, um Israel zu retten

Mittwoch, März 21st, 2012

Liberale Zionisten starten die Gegenoffensive zur Einstaatenlösung der BDS-Bewegung und der rechts-rechtsextremen Regierung Netanjahu. Peter Beinart: „To Save Israel, Boycott the Settlements“ – New York Times, 18. März 2012

Zur „Israel Firster“-Debatte in den USA

Freitag, Februar 10th, 2012

In den Staaten tobt – bisher in Deutschland weitgehend unbemerkt – eine Diskussion über die „gespaltene Loyalität“ von jüdischen Staatsbürgern der USA.Während Philip Weiss die Benutzung des Begriffs „Israel Firster“ teilweise rechtfertigt und die ganze Debatte verständlich zusammenfasst, greift Jamie Stern-Weiner beide Seiten an: „‘Israel Firsters’ – a revealing debate“New Left Project, 2. Februar 2012.

„Palästinenser gibt es nicht, das Westjordanland ist Teil Israels“

Montag, Januar 9th, 2012

Stephanos Mavros über Absurditäten im amerikanischen Wahlkampf: Republikanischer Präsidentschaftskandidat Santorum: „Palästinenser gibt es nicht, das Westjordanland ist Teil Israels“

 

Defamation (2009)

Sonntag, Juli 24th, 2011

Was bedeutet Antisemitismus heute, zwei Generationen nach dem Holocaust? Bei seiner kontinuierlichen Erforschung des modernen Lebens der Israeli bereist Regisseur Yoav Shamir (Checkpoint, 5 Days, Flipping Out) die Welt, sucht nach den modernsten Erscheinungsformen des „ältesten Hasses“ und findet einige alarmierende Antworten auf diese Frage. Im Zuge dieser unehrerbietigen Suche folgt er amerikanischen jüdischen Oberhäuptern in europäische Hauptstädte bei ihrer Mission, die Regierungen vor der wachsenden Gefahr des Antisemitismus zu warnen, und er heftet sich an die Fersen einer israelischen Schulklasse bei Ihrer Gedenkfahrt nach Auschwitz.

Auf dieser Reise trifft Shamir den kontroversiellen Historiker Norman Finkelstein, der seine unpopulären Ansichten verbreitet, dass der Antisemitismus von der jüdischen Gemeinschaft und im Besonderen von Israel, benützt wird, um politisch zu gewinnen. Er schließt sich auch Gelehrten an, wie z.B. Stephen M. Walt und John J. Mearsheimer, und ist auch bei ihrem Vortrag in Israel anwesend, den sie nach der Erscheinung ihres Buches “Die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik” über den unausgeglichenen Einfluss, den die Israel-Lobby in Washington genießt. Yoav besucht auch Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, ein Muss für alle Weltpolitiker, wenn sie Israel einen Besuch abstatten. Im Zuge seines Aufenthaltes in Jerusalem, schaut er auch bei seiner Großmutter auf einen kurzen Besuch vorbei, wobei sie ihm ihr Verständnis dieses Themas  vermittelt und erklärt, dass nur sie „die richtige Jüdin“ sei. (mehr …)

Brüller des Tages: Bibi Netanjahu

Dienstag, Mai 24th, 2011

„Unser Konflikt ging nie um die Gründung eines palästinensischen Staates. Es ging immer um die Existenz eines jüdischen Staates“ (Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in seiner heutigen Rede vor dem US-Kongress, tagesschau.de).

 

Der palästinensische Frühling?

Montag, Mai 16th, 2011

Exzellent: Peter Beinhart zu den gestrigen Protesten an den Grenzen Israels aufgrund des Jahrestages der Nakba: „Israel’s Palestinian Arab Spring“The Daily Beast, 16.5.2010.

Niemand erwähnt die jüdischer Bruderschaft

Sonntag, Februar 6th, 2011

Alle haben Angst vor der Muslimbruderschaft. Dabei sind die Fundamentalisten in einem der Nachbarstaaten viel näher an der Macht, als die Muslimbrüder in Ägypten.  Akiva Eldar und Idith Zertal zeigten schon in ihrem umfassenden und faktenreichen Buch „Die Herren des Landes – Israel und die Siedlerbewegung seit 1967“, wie die rechtszionistischen Siedler langsam und stetig Fuß in den Institutionen des Staates gewinnen. Bei 16% der Gesamtbevölkerung kommen z.B. heute schon 30% des Militärpersonals aus den Siedlungen. Yossi Gurwitz stellt fest: „Nobody mentions the Jewish Brotherhood “ – +972, 5. Februar 2011