Archive for the ‘New Anti-Semitism’ Category

Der Feind meines Fetischs ist mein Feind

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

Moshe Zuckermann über das Umschlagen eines emanzipatorische Impulses in sein schieres Gegenteil: „Verquere Debatten – Wider den Zeitgeist. Über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus“junge welt, 10. Oktober 2012.

Defamation (2009)

Sonntag, Juli 24th, 2011

Was bedeutet Antisemitismus heute, zwei Generationen nach dem Holocaust? Bei seiner kontinuierlichen Erforschung des modernen Lebens der Israeli bereist Regisseur Yoav Shamir (Checkpoint, 5 Days, Flipping Out) die Welt, sucht nach den modernsten Erscheinungsformen des „ältesten Hasses“ und findet einige alarmierende Antworten auf diese Frage. Im Zuge dieser unehrerbietigen Suche folgt er amerikanischen jüdischen Oberhäuptern in europäische Hauptstädte bei ihrer Mission, die Regierungen vor der wachsenden Gefahr des Antisemitismus zu warnen, und er heftet sich an die Fersen einer israelischen Schulklasse bei Ihrer Gedenkfahrt nach Auschwitz.

Auf dieser Reise trifft Shamir den kontroversiellen Historiker Norman Finkelstein, der seine unpopulären Ansichten verbreitet, dass der Antisemitismus von der jüdischen Gemeinschaft und im Besonderen von Israel, benützt wird, um politisch zu gewinnen. Er schließt sich auch Gelehrten an, wie z.B. Stephen M. Walt und John J. Mearsheimer, und ist auch bei ihrem Vortrag in Israel anwesend, den sie nach der Erscheinung ihres Buches “Die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik” über den unausgeglichenen Einfluss, den die Israel-Lobby in Washington genießt. Yoav besucht auch Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, ein Muss für alle Weltpolitiker, wenn sie Israel einen Besuch abstatten. Im Zuge seines Aufenthaltes in Jerusalem, schaut er auch bei seiner Großmutter auf einen kurzen Besuch vorbei, wobei sie ihm ihr Verständnis dieses Themas  vermittelt und erklärt, dass nur sie „die richtige Jüdin“ sei. (mehr …)

Interview mit Mosher Zuckermann: „Das Böse der Banalisierung“

Montag, Dezember 13th, 2010

Lang, aber höchst lesens- und empfehlenswert: Moshe Zuckermann über den Rechtsruck der Antisemitismuskritik – bis an die Grenze zur Holocaust-Leugnung: „Das Böse der Banalisierung“Hintergrund, 25. November 2010.

„Wenn Täterenkel sich empören“ – Finkelstein in Berlin

Freitag, November 26th, 2010

An diesem Samstag, den 27. November 2010, hat die  PÄAV Deutschland e.V. im Rahmen des „internationalen Solidaritätstages mit dem Palästinensischen Volk“ den  Politikwissenschaftler Norman G. Finkelstein eingeladen, um im Maritim Hotel in Berlin zu sprechen. Finkelstein wird dort, wie vor einigen Wochen in Kanada, unter dem Titel „Israel und Palästina: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ referieren. Schon im Februar hatte Finkelstein einen Besuch nach massiver Hetze gegen seine Person abgesagt, da er über die Mitverantwortung Deutschlands für die anhaltende Blockade Gazas und eben nicht über seine Person reden wollte. Auch dieses mal lassen es sich die „Hüter der Freiheit“ nicht nehmen, gegen Finkelstein vorzugehen, können sie ihm doch argumentativ zum Thema Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern kaum etwas  entgegensetzen – ausser blinder Solidarität mit der israelischen Politik. Aber es bleibt ja immer noch die Lüge, Finkelstein würde den Holocaust relativieren. Da die Vorgehensweise der Apologeten Israels der Hetze im Februar gleicht, veröffentliche ich hier nochmals einen Text von Rhizom, den er damals den Gegnern entgegensetze, der aber auch noch heute Wort für Wort zu unterschreiben ist:

Wenn Täter-Enkel sich empören: Finkelstein, Antisemitismus und Israel

von: Rhizom, 15. Februar 2010

Am 26. Februar soll der amerikanische Politikwissenschaftler Norman Finkelstein, unter anderem auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, in Berlin einen Vortrag halten, der den etwas sperrigen Titel trägt: “Ein Jahr nach dem Überfall der israelischen Armee auf Gaza – die Verantwortung der deutschen Regierung an der fortgesetzten Aushungerung der palästinensischen Bevölkerung”. Vermutlich wird der Vortrag vor allem eine Collage seines neuen Buches ‘This Time We Went Too Far’ sein, über dessen Grundthesen man sich in zahlreichen Youtube-Videos informieren kann.

Indessen hat der Landesarbeitskreis (LAK) “Shalom”, der sich vor wenigen Jahren gründete, um die Linkspartei auf einen stramm proisraelischen Kurs einzuschwören, im Verbund mit anderen Gruppen zu einer Kundgebung aufgerufen, um unter dem Motto “Was zu viel ist, ist zu viel” aus diesem Vortrags- und Diskussionsabend, der nunmehr sogar in den Räumen der eigenen Parteistiftung stattfinden soll, eine Art öffentlichen Skandal zu zaubern.

Sich mit eigener Substanz an der Diskussion zu beteiligen ist die Sache des LAK Shalom aber offenbar nicht, denn statt auch nur mit einem Wort auf die inhaltliche Kritik von Finkelstein an Israels Kriegs- und Blockadepolitik einzugehen, hat man lieber eine Schlammschlacht gegen ihn entfesselt, die ihn als Redner persönlich disqualifizieren soll. Dass seine Bücher Zuspruch vor allem von Borderline-Nazis wie David Duke erhielten, ist dabei noch einer der harmlosesten Vorwürfe. Wie allerdings erklärt sich der LAK Shalom, dass sich unter seinen Fürsprechern neben zahlreichen israelischen und amerikanischen Linken (den üblichen Verdächtigen, die in den Augen dieser Pressure Group vermutlich bereits ins “Antisemitenlager” zählen) auch Raul Hilberg und Avi Shlaim finden?

Mag sein, dass Shlaim als einer von Israels renommierten “neuen Historikern” bei diesen Leuten ebenfalls keinen besonders guten Ruf genießt, aber Hilberg ist immerhin Autor des dreibändigen Standardwerks über die deutsche Judenvernichtung und galt bis zu seinem Tod im Jahr 2007 als der Nestor der internationalen Holocaust-Forschung. Dass beide Finkelstein ausgerechnet in dem Moment zu Hilfe eilten, als die Attacken gegen ihn gerade ihren Siedepunkt erreichten, zeigt zudem, dass sie dies im vollen Bewusstsein auch der umstritteneren Aspekte seines Werks taten, sei es, weil sie diese für nicht so gravierend hielten oder ihnen sogar offen zustimmten – wie anscheinend Hilberg, der Finkelstein für seinen “akademischen Mut” lobte, “die Wahrheit zu sagen, wenn niemand anderes da draußen ist, ihn zu unterstützen”.

Hat sich Hilberg, wie der LAK Shalom kolportiert, öffentlich hinter einen “Geschichtsrevisionisten” gestellt? Wohl kaum. In der berühmten Goldhagen-Debatte war es nicht dieser, sondern Finkelstein, der den Konsensus der internationalen Holocaust-Forschung gegen einen “Revisionisten” verteidigte. “Revisionist” (das Wort bezeichnet für gewöhnlich Holocaust-Leugner und ist hier kaum angemessen) war Goldhagen insofern, als er den Holocaust monokausal auf eine spezifisch deutsche Tradition, den sog. eliminatorischen Antisemitismus, zurückführen wollte, während etablierte Historiker darauf beharrten, dass der Antisemitismus, erstens, nur einer von mehreren Faktoren war, die den Holocaust erklären, und, zweitens, die Judenfeindschaft in der deutschen Bevölkerung sich überhaupt nicht grundlegend von der in anderen Ländern unterschied.

Zoff löste denn auch nur die von Finkelstein selbst als unwissenschaftlich gekennzeichnete polemische Nachbemerkung aus, in der er frei heraus über Goldhagens zionistische Motive spekulierte: Wenn der Holocaust, entgegen allen bisherigen wissenschaftlichen Annahmen, in seinen Ursachen allein der Tradition des Antisemitismus zugeschlagen werden könnte – eine Tradition, die hier gleichsam kontextlos für sich steht -, so sei daraus viel eher eine Rechtfertigung des jüdischen Nationalismus abzuleiten, als wenn man auch andere Faktoren in Rechnung stelle, um aus dem deutschen “Verwaltungsmassenmord” (Hannah Arendt) an Juden und Roma z.B. eine Kritik des modernen Rassismus, des völkischen Nationalismus oder der “instrumentellen Vernunft” (Horkheimer) im organisierten Kapitalismus zu entwickeln.

Hier stehen sich, wie Zygmunt Bauman in seinem Buch Dialektik der Ordnung ausführt, zwei grundsätzlich verschiedene Paradigmata gegenüber: Die einen interpretieren den Holocaust vor allem als Ereignis in der Leidensgeschichte des jüdischen Volks und Kulminationspunkt eines Jahrtausende alten Judenhasses – für Finkelstein der Fokus der sog. Holocaust-Literatur, die er von seriöser Geschichtswissenschaft in der Tradition Hilbergs abzugrenzen versucht und als deren neuen Prototypen er Daniel J. Goldhagen begreift. Die anderen dagegen bemühen sich um eine kritische Bestandsaufnahme der Epoche, die Auschwitz hervorbrachte. Für sie hatte die historische Wahl des Vernichtungsobjekts im Grunde einen akzidentellen Charakter, weil – in den Worten Horkheimers und Adornos – “die Eigenart, um derentwillen die Opfer erschlagen werden,” in der total integrierten Gesellschaft “selber längst weggewischt” sei:

Die Menschen, die als Juden unters Dekret fallen, müssen durch umständliche Fragebogen erst eruiert werden, nachdem unter dem nivellierenden Druck der spätindustriellen Gesellschaft die feindlichen Religionen, die einst den Unterschied konstituierten, durch erfolgreiche Assimilation bereits in bloße Kulturgüter umgearbeitet worden sind.

Zu diesem Schluss gelangen die Autoren nun ausgerechnet in einem Text, der sich den für den Genozid als konstitutiv erachteten “Elementen des Antisemitismus” widmet. Tatsächlich aber würden die Juden “zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind”. – “Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt.”

Finkelstein trägt, und das macht ihn so verhasst, die These, dass die Kritik des Antisemitismus nicht den Kern dessen repräsentiere, was aus dem Holocaust zu lernen sei, mit einer starken polemischen Spitze gegen den Zionismus vor, obwohl er die Existenz Israels deshalb noch lange nicht in Frage stellt. Er ist nicht einmal Anhänger der von vielen amerikanischen Linken favorisierten Ein-Staaten-Lösung, sondern hält sich an den internationalen Konsensus auch in der Frage des Völkerrechts, das Israel – unabhängig von der üblichen moralischen Begründung seiner Existenz durch Verweis auf den weltweiten Antisemitismus – das Recht zusichert, “innerhalb sicherer und anerkannter Grenzen frei von Drohungen und Akten der Gewalt in Frieden zu leben”.

Der LAK Shalom aber hält diese Position für “extrem”. Doch an Finkelsteins Kritik der israelischen Kriegs- und Besatzungspolitik ist nichts extrem: Sie orientiert sich an den einstimmigen Entscheidungen des Internationalen Gerichtshofs über die Illegalität der israelischen Siedlungen, der jedes Jahr mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten UNO-Resolution über die friedliche und gerechte Beilegung des Nahost-Konflikts und den bis ins kleinste Detail übereinstimmenden Berichten der großen Menschenrechtsorganisationen über die Lage der Palästinenser. Wenn überhaupt, dann ist der Ausdruck “extrem” wohl eher auf die Aussagen politischer Verbündeter des LAK Shalom wie den Journalisten Alex Feuerherdt zu applizieren, der in jüngster Zeit dazu übergegangen ist, die koloniale Siedlungspolitik Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten öffentlich zu legitimieren.

Und in gewisser Weise finde ich es auch “extrem”, wie der LAK Shalom mit der Tatsache umgeht, dass Finkelstein Sohn zweier Überlebender des Warschauer Ghettos, des Vernichtungslagers Majdanek (im Falle der Mutter) und des Auschwitz-Todesmarsches ist (das Schicksal seines Vaters). Niemand hat behauptet, dass das ein Argument für seine politischen Positionen sei. Aber aus diesem Faktum ein so genanntes zu machen, indem man schreibt, dass er sich als Sohn von Holocaust-Überlebenden “bezeichnet” (um damit zu implizieren, dass er es womöglich gar nicht ist), stellt sich mir in seiner Form – als persönlicher Angriff auf die biographische Integrität von Maryla und Zacharias Finkelstein, die der LAK Shalom damit ja implizit der Lüge verdächtigt – als so abgeschmackt dar, dass ich den Schluss meines Beitrags vor allem der Wiederherstellung ihres Andenkens widmen möchte.

Von Maryla Husyt Finkelstein sind zahlreiche Tonbandaufnahmen überliefert (hier ein Ausschnitt), in denen sie von ihrer Leidensgeschichte erzählt – nicht zuletzt in der Absicht, eine junge Generation politisch aufzurütteln, um gegen Krieg, Entrechtung und Rassismus in all ihren Gestalten zu protestieren. In seiner Biographie Haunted House schildert Norman Finkelstein den lebenslangen Eindruck, den sie damit auch auf ihren Sohn machte – ob zum Guten oder Schlechten, sei einmal dem Urteil des Lesers anheimgestellt. Mit der folgenden Übersetzung will ich davon zumindest eine leise Idee geben.

Jeden Abend, wenn wir die Nachrichten im Fernseher sahen, wendete meine Mutter ihre Augen ab und hob die Hand, um den Bildschirm zu verdecken, sobald Szenen aus Vietnam darüber hinweg flimmerten. Nach wenigen Augenblicken kam dann immer die Frage: “Ist es schon vorbei?” Obwohl sie überhaupt keinen Hang zur Selbstdarstellung hatte, konnte sie die Szenen von Zerstörung und Tod einfach nicht ertragen. Während die meisten meiner Freunde und ihrer Eltern sich am Ende gegen den Vietnam-Krieg stellten, tönte die moralische Dringlichkeit, sich zu widersetzen, in meinem Elternhaus doch mit einer völlig anderen Dezibelzahl. Der Krieg war nicht ein Gegenstand intellektueller oder politischer Auseinandersetzungen oder sogar vehementen Streits. Das ganze Wesen meiner Mutter revoltierte dagegen. Ich würde nicht sagen, dass sie emotional angesichts des Krieges war; sie war hysterisch. Obschon über die Fakten gut unterrichtet, verabscheute sie jede Form seiner Intellektualisierung. Selbst die Beteiligung an einer Debatte über Vietnam stellte eine moralische Travestie dar. Denn es bekundete einen Mangel an wirklicher Empörung über und Verständnis des sich offenbarenden Horrors: niemand, der tatsächlich den Krieg miterlebt hatte, konnte oder würde ihn still diskutieren. Aus ähnlichen Gründen verachtete sie meine Entscheidung, dem Debattierklub der High School beizutreten. Die Kunst der Debatte war es, mit gleicher Leidenschaft und Fertigkeit für beide Seiten einer gegebenen Frage zu argumentieren. In ihren Augen nährte dies die Doppelzüngigkeit, die amoralische Manipulation von Worten.

Oft rief meine Mutter aus, dass die Vereinigten Staaten “schlimmer als Hitler” wären. Zugegebenermaßen waren in meinem Elternhaus viele Dinge “schlimmer als Hitler”, gelegentlich sogar meine Geschwister und ich, oder “schlimmer als Auschwitz”, einschließlich das Essen meiner Mutter. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter den Vergleich zwischen den USA und Hitler wörtlich meinte oder ob sie überzog, um anderen die Größe des Verbrechens, das der Vietnamkrieg darstellte, zu vermitteln. Da ich die Entrüstung meiner Mutter verinnerlicht hatte, war ich beinahe nicht mehr zu ertragen, wann immer die Rede auf Vietnam fiel. Ich erinnere mich noch an den Schock und Ekel, nachdem ich an meiner High School die Klasse im Volkswirtschaftskurs dazu gezwungen hatte, sich Passagen aus einem Buch anzuhören, das die US-Gräuel in Vietnam mit drastischen Bildern beschrieb, und niemand außer mir davon physisch ergriffen war. Bis heute erschaudere ich im Gedanken an den Augenblick, als ich am College bei einem Teach-in über den Krieg öffentlich zusammenbrach. Im Rückblick bedauere ich meine selbstgerechte Pose, aber, falls das irgendeine Entschuldigung ist: der Krieg berührte mich wirklich tief. Ich konnte nicht verstehen, wie Menschen das Blutbad abspalten und mit ihrem Business-as-usual weitermachen konnten: in diesem Augenblick, dachte ich, werden Vietnamesen ermordet. Erst viele Jahre später lernte ich, nachdem ich Noam Chomsky gelesen hatte, dass es möglich war, große wissenschaftliche Strenge mit beißender moralischer Empörung zu vereinen; dass ein intelligentes Argument nicht notwendig ein intellektualisierendes war.

Norman G. Finkelstein

Samstag, 27. November 2010 um 18:30 Uhr

Maritim Hotel, Stauffenbergstraße 26, 10785 Berlin

„Is There a New Anti-Semitism?“

Samstag, November 6th, 2010

In einem der letzten Interviews vor seinem Tod im August 2007 sprach Raul Hilberg über Revisionismus, den „Neuen Antisemitismus“ und den Konflikt zwischen Goldhagen und Finkelstein. „Is There a New Anti-Semitism? A Conversation with Raul Hilberg“Logos, Issue 6.1-2 (Winter/Spring 2007).

American Radical – The trials of Norman Finkelstein (Dokumentation)

Sonntag, Oktober 10th, 2010

In den letzten zwölf Monaten ist „American Radical – The trials of Norman Finkelstein“, eine Dokumentation der beiden Filmemacher David Ridgen und Nicolas Rossier, weltweit auf Dutzenden Filmfestivals gezeigt worden. Neben vielen amerikanischen Großstädten wie New York oder San Francisco unter anderen auch in Jerusalem, Beirut, Montreal, Warschau, Istanbul, Moskau, Buenos Aires oder London. Es ist nicht schwer zu erraten, wo dieser Film bisher totgeschwiegen wird: in Deutschland.

American Radical - FilmplakatDabei wird Norman Finkelstein, Sohn von Überlebenden des Warschauer Ghetto­aufstands, nicht nur in der BRD kontrovers diskutiert, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern – dies vor allem aufgrund seines Buches „Die Holocaust-Industrie“1, in dem er pro-israelischen Organisationen vorwirft, die Shoah auf Kosten der Überlebenden und auf dem Rücken der Ermordeten für ihre Zwecke auszubeuten und zu instrumentalisieren. Finkelstein schlug eine Welle der Empörung und der Verleumdung entgegen2, die bis heute nicht abgerissen ist und in Deutschland ihren gegenwärtigen Höhepunkt mit der Verhinderung seiner Auftritte in Berlin und München erreichte.3 Zugegeben: Finkelstein spielte der europäischen Rechten mit diesem Buch durchaus in die Hände. Seine Intention war dagegen eine gänzlich andere. So folgerte selbst der 2007 verstorbene Raul Hilberg, Vater der internationalen Holocaust­forschung4, dass Finkelsteins Ton zwar extrem polemisch sei, seine Schlussfolgerungen aber eher moderat.5

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  1. „Die Holocaust-Industrie – Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, 2001 erschienen im Pieper-Verlag []
  2. Gleich drei Bücher widmeten sich Finkelsteins Buch und der darauf folgenden Diskussion: „Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie – Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein“, herausgegeben von Ernst Pieper. Dabei stellt der Band „Ein ‚jüdischer David Irving‘? Norman G. Finkelstein im Diskurs der Rechten – Erinnerungsabwehr und Antizionismus“, herausgegeben von Martin Dietzsch und Alfred Schobert, nur eine Sammlung von Zeitungsartikeln dar. Das dritte Buch habe ich vergessen, es war aber auch ein Sammelband, ich erinnere mich aber nicht an den Namen. []
  3. Siehe auch den äußerst lesenswerte Beitrag bei Rhizom. []
  4. Hilbergs Werk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ erschien schon 1961 und ist – in den folgenden Jahren fortlaufend aktualisiert – bis heute das herausragendste Standardwerk auf diesem Gebiet. []
  5. Siehe Interview im Film. []

›Antisemit!‹ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument

Freitag, Oktober 8th, 2010

In der jungen welt erschien gestern ein Vorabdruck der ersten beiden Kapitel des neuen Buches von Moshe Zuckermann, Professor für Philosophie und Geschichte an der Universität Tel Aviv. „›Antisemit!‹ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument“ – junge welt, 7. Oktober 2010.

Generalsekretär des Zentralrats Kramer kritisiert die deutsche Medienlandschaft

Montag, Mai 24th, 2010

Im Focus wurde vor einer Woche Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, interviewt. Laut sueddeutsche.de nutzte er dies für einen Rundumschlag und warf neben rechtsradikalen Medien auch der restlichen Presselandschaft Deutschlands, von der jungen welt, über das ND, der taz, dem Tagesspiegel bis zur FAZ, Antisemitismus bzw. antisemitische Inhalte vor.1 Ob man nun vereinzelte Inhalte dieser Zeitungen als antisemitisch bezeichnen könnte, das soll einmal dahingestellt sein. Es gibt sicherlich in jeder dieser Zeitungen Artikel, die nicht ganz koscher sind.  Allgemein würde ich aber sagen, dass die deutsche Presse im großen und ganzen der deutschen Staatsräson folgt. Von der Undenkbarkeit, sich in unverhohlener Judenfeindlichkeit zu ergehen, ganz zu schweigen.

Die Reaktion in der Presselandschaft war denn auch eher verhalten. Neben abwehrende Kommentaren gab es allerdings auch bösen Spott, der hart an der Grenze war, Antisemitismus zu relativieren. Der unglaublich inflationäre und unangebrachte Gebrauch des Antisemitismusvorwurfs, der sich vor allem gegen jene richtet, die sich gegen Krieg und Besatzung wenden, hat dazu geführt, dass niemand mehr Antisemit ist, wenn es doch alle sind.

Das aktuellste und ziemlich bittere Beispiel dafür, wohin uns diese Antisemitismusvorwürfe aus dem Block der Apologeten Israels heute schon gebracht haben, ist die Replik auf Kramer im Tagesspiegel. Diese sollte man sich schon einmal der Gänze nach geben und man wird sich erschrecken, wie hämisch und respektlos die Warnung des Generalsekretärs erwidert wird. Und das alles einen Tag nach dem Brandanschlag auf die Synagoge in Worms, auf den die Reaktionen mit Ausnahme der sofort einsetzenden Hetze, es seien sicherlich Linke oder linke Palästinenser gewesen, ebenfalls sehr verhalten waren. Und zwar nicht nur in den bürgerlichen Medien, sondern vor allem bei jenen, die an jüdischen Dissidenten immer gleich den Hitlerbart sehen wollen. Das alles lässt nichts Gutes für die Zukunft erwarten.

  1. Das Focus-Interview ist leider nicht online zu lesen, es gibt nur eine Zusammenfassung. []

Charlotte Knobloch: Die neuen Nazis sind Linke und Muslime?

Donnerstag, Mai 13th, 2010

Die Zentralratsvorsitzende hat (wieder einmal) die (deutschen) Linken und die muslimischen Jugendlichen als die besseren Rechtsextremisten ausgemacht. Welt Online schreibt unter dem schlagkräftigen Titel „Knobloch warnt vor linkem Antisemitismus“ als Einleitung zu einem Interview:

Gerne wird in linken Kreisen Kritik an Israel geübt – oft aus antisemitischen Motiven, wie die Präsidentin des Zentralrats der Juden warnt. Auf WELT ONLINE spricht Charlotte Knobloch auch über die Konflikte mit dem Vatikan und wehrt sich gegen Vergleiche zwischen Antisemitismus und Islamophobie.

Wer dieses liest, der ist natürlich darauf gespannt, was für „antisemitische“ Gründe denn die linken Kreise haben könnten, wenn sie Israel kritisieren. Und – den Katholizismus mal beiseite gelassen, der interessiert mich im Moment nicht – warum soll man nicht Antisemitismus und anti-muslimischen Rassismus vergleichen können? Wo soll das Problem sein Gemeinsamkeiten  und Unterschiede aufzuzeigen? Übrigens eines der grundlegenden Prinzipien der Wissenschaft. Man erhofft also einiges von der Einleitung.

Nur kurz oder eher gar nicht wird auf den Antisemitismus in der extremen Rechten eingegangen, der der Mitte wird gar nicht erwähnt. Und schon spricht Knobloch über den wachsenden Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Hier ist erst einmal Vorsicht geboten. So hegen rund 15 Prozent der jungen Türken und Araber laut einer vor einiger Zeit von der Amadeu-Antonio-Stiftung veröffentlichten Studie latente oder offene antisemitische Vorurteile. Keine Frage, unter anderem auch aufgrund des anhaltenden Konflikts in Nahost grassiert eine ernst zu nehmende anti-jüdische Stimmung unter diesen jungen Muslimen.

Gleichzeitig stellt sich die Frage: Und die anderen 85 Prozent? Angesichts eines latenten und virulenten Antisemitismus, der die ganze deutsche und europäische Gesellschaft noch immer umfasst und sich heute in seiner modernen Form zudem auch noch zusätzlich als Philosemitismus offenbart, stehen diesen 15 Prozent der jungen Türken und Arabern die Mehrheit von 85 Prozent den Antisemitismus Ablehnenden gegenüber. Ähnlich verhält es sich in Frankreich. Auch hier wissen vor allem arabische Jugendliche, dass auch sie vom Rassismus der weißen Mehrheitsgesellschaft genauso betroffen sind wie jüdische Franzosen und weisen den Antisemitismus  deswegen ebenfalls überwiegend entschieden zurück.1 Denn der Antisemitismus in Frankreich geht genau wie in der BRD (von Ausnahmen abgesehen)2 mit einem anti-arabischen oder anti-muslimischen Rassismus einher. Die Zahlen entsprechen daher den deutschen. Also reine Stimmungsmache? Zumindest lohnt auch hier wieder an den Artikel von Tony Klug in der aktuellen Tikkun zu erinnern, der einen klaren Zusammenhang zwischen dem steigenden Antisemitismus und dem Nahost-Konflikt sieht. Es würde ja auch keiner verleugnen, dass das kriegerische und aggressive Verhalten des amerikanischen Staates anti-amerikanische Intentionen gerade unter den Betroffenen schürt. Und dabei sollen diese nicht gutgeheißen werden. Bei Israel wird es also nicht anders sein.

Ganz abgesehen davon, dass die Zentralratsvorsitzende die Zuwanderung sowjetischer/russischer Juden lobt, nachdem der Zentralrat vor einigen Jahren versuchte die Bundesregierung dazu zu bringen nur noch die Zuwanderung von sog. halachischen Juden zuzulassen3, während sowjetische Juden, die keine jüdische Mutter aufweisen konnten, die Einwanderung verwehrt werden sollte4, weist Knobloch stur jeden Vergleich – also eben keine Gleichsetzung – des Antisemitismus mit der Islamophobie zurück. Die Aussage, beide hätten verschiedene Grundlagen und die Juden wären viel verankerter in der deutschen Gesellschaft gewesen als es heute die Muslime sind, soll genügen, um jeglichen Vergleich, der eventuelle Gemeinsamkeiten aufdecken könnte, abzuweisen. Damit macht es sich Frau Knobloch ziemlich einfach: es sei auch hier noch mal verwiesen auf die Publikation des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin: “Islamfeindschaft und ihr Kontext” (Hrsg. Wolfgang Benz). Und da lohnt auch noch einmal ein kurzes Zitat:

Im 19. Jahr­hun­dert waren es die Juden, jetzt ist es die an­geb­li­che is­la­mi­sche Ge­fahr, die das Abend­land be­droht. […] Aber die Me­cha­nis­men von Aus­gren­zung und Dis­kri­mi­nie­rung sind sich nicht nur ähn­lich, sie haben auch den glei­chen Grund: Die Mehr­heits­ge­sell­schaft braucht frem­de Min­der­hei­ten, denen man Schuld zu­schrei­ben kann und an die sie Be­dro­hungs­ängs­te, Über­frem­dungs-​ und Über­wäl­ti­gungs­fan­ta­si­en de­le­giert. […] Man hat ge­lernt, dass Juden jetzt sank­ro­sankt sind, weil wir ihnen Ent­setz­li­ches an­ge­tan haben. Das bringt uns aber of­fen­sicht­lich nicht zum nächs­ten Schritt, auch an­de­re Min­der­hei­ten […] zu re­spek­tie­ren.” (Wolf­gang Benz, Qant­ara.​de, 2010, via Rhizom)

Auf die Frage hin, ob sich sich aber nicht auch hinter dem „Antizionismus“ und der „Israelkritik“ der Linken bisweilen Judenfeindschaft verbirgt, antwortet die Noch-Zentralratsvorsitzende:

In der Tat sind die Linken in dieser Hinsicht jahrelang falsch eingeschätzt worden. Das war ein großer Fehler – von allen, auch von uns im Zentralrat. Aussagen, die mir von dieser Seite zu Ohren kommen, sind absolut mit denen der Rechten gleichzusetzen. Sagte man nicht dazu, von woher sie stammen, würde ich sie für Aussagen von Rechts halten. Die Linke hat sich inzwischen derartig eindeutig antiisraelisch bis antijüdisch positioniert, dass dieses Problem unbedingt mit der Bekämpfung des Rechtsextremismus gleichgestellt werden sollte. Ich habe das früher nicht geglaubt, jetzt aber schon.

Seit jeher wurde gegen linke Kritiker gehetzt. Der „Neue Antisemitismus“ ist nichts Neues. Man schaue sich nur einmal an, wie in regelmäßigen Abständen, immer nach irgendwelchen Kriegen, die Israel führte, gegen die Verteidiger der Opfer der Aggression mobil gemacht wurde – seien sie jüdisch oder nicht-jüdisch.  In den Staaten sind es Namen wie Alan Dershowitz, Abraham Foxman, Phyllis Chesler, Arnold Forster, Benjamin Epstein oder die Perlmutters, in Deutschland übernehmen diese Aufgabe ein Henryk M. Broder oder ein Ralph Giordano. Welche Aussagen, mag man da fragen wollen, sind ihnen denn, werte Frau Knobloch, zu Ohren gekommen? Hören-sagen ist eine feine Sache. Konkretisieren sie doch einmal. Aber das ist, wie gesagt, nichts Neues. Knobloch hat das Rad nicht neu erfunden, darum ist jegliche Empörung über eine solche widerliche Gleichsetzung auch vergebens.5

Stumpfe Hetze durchzieht das Interview sowohl von Seiten der Welt in Form ihres Interviewers Richard Herzinger als auch von Seiten der Zentralratsvorsitzenden Knobloch. Ob die Mehrheit der in Deutschland lebenden Juden die Gleichsetzung von Nazis und Linken mitträgt, daran darf gezweifelt werden. Und immer wieder das leidige Existenzrecht:

Wenn die Hamas heute immer noch sagt, Israel müsse ausradiert werden, wenn ihre Gegenspieler in der palästinensischen Führung ihrerseits zu schwach sind, das Existenzrecht Israels eindeutig anzuerkennen, wie kann man da zu einer Friedenslösung kommen?

Liebe Frau Knobloch: die Existenz des Staates Israel ist von niemanden mehr ernsthaft bedroht (200 Nuklearsprengköpfe und eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt werden wohl reichen, um diese abzusichern), sie können mit solchen Aussagen niemanden mehr hinter dem Ofen herlocken. Israel sollte doch erst einmal das Existenzrecht eines palästinensischen Staates garantieren, den es erfolgreich seit 40 Jahren verhindert. Und um es noch einmal zu wiederholen: die Arabische Liga und die PLO erkennen das Existenzrecht de jure seit langem an. Die Hamas inzwischen de facto. Welche der israelischen Parteien erkennt denn das Existenzrecht eines palästinensischen Staates an? De jure oder de facto? Man stellt sich hin und spricht davon, dass man ja Frieden wolle und keinen Verhandlungspartner habe, während hinter dem eigenen Rücken der Siedlungsbau und die Annexion fleißig weitergeht. Gleichzeitig wird jeglicher friedlicher Protest sowohl von palästinensischer als auch israelischer Seite im Keim erstickt. Und wer es wagt, gegen die Politik des Staates und/oder des Zentralrats aufzubegehren, wie es, um nur wenige für viele zu nennen,  Felicia Langer, Rolf Verleger, ein Abraham Melzer oder Evelyn Hecht-Galinski,  Tochter des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden,  tun, wird diffamiert, denunziert und versucht zum Schweigen zu bringen. Da fragt man sich doch, liebe Frau Knobloch: Wen wollen sie eigentlich noch immer für dumm verkaufen?

  1. Ein interessantes filmisches Ergebnis davon ist, dass in dem Film „Hass“ (Originaltitel La haine) dann auch ein arabischer, ein jüdischer und ein schwarzer Jugendlicher zusammen die Hauptrollen spielen. []
  2. Diese Ausnahmen treten in Gestalt des modernen Antisemitismus, also des Philosemitismus, der sich nach außen hin positiv zu den Juden und ablehnend gegenüber den Muslimen stellt, auf. []
  3. In der UdSSR gab es das Phänomen, dass „jüdisch“ eine Nationalität wie „lettisch“ oder „russisch“ war. Die Zugehörigkeit wurde anhand des Vaters definiert. Siehe auch http://www.hagalil.com/archiv/2004/06/kontingentregelung.htm []
  4. Deren einzige Möglichkeit wäre dann Israel gewesen; war dies beabsichtigt oder entsprang dies dem anhaltenden Konflikt zwischen den alteingesessenen und den neu zugewanderten Juden, indem verhindert werden sollte, dass die russischen Einwanderer bald die Mehrheit des deutschen Judentums ausmachen würde? []
  5. Hier empfiehlt sich das vorletzte Buch des „umstrittenen“ (und dabei in seinen Schlussfolgerungen so harmlosen) Politikwissenschaftlers Norman G. Finkelstein: Beyond Chutzpah (deutsch: Antisemitismus als politische Waffe). []

Unglaublicher Skandal: Der Finkelstein, der macht den Hitlergruß!

Montag, Mai 10th, 2010

Honestly Concerned bzw. jetzt auch „tous et rien“ haben einen unglaublichen Skandal aufgedeckt: Finkelstein macht den Hitlergruß. Und der Schmok, der alte Rabulist, der lacht auch noch darüber. So etwas aber auch…