Liebste Sabine Brandes,

Sie, die Sie da sind unsere Lieblingskriegsberichterstatterin aus Tel Aviv, feiern fröhlich in der neuesten Onlineausgabe der israelischen Botschaft der Jüdischen Allgemeinen die Reinheit der Waffen ab.  Aber über Ihren offenen Militarismus wollen wir hier und heute gar nicht sprechen. Es reicht, dass sie den jährlich wieder neu aufgelegten Mythos von den unterlegenen israelischen Streitkräften wiederholen. Erst vor kurzem hatte ihr Kollege Wuliger ja ähnliches verlauten lassen. Unter dem schönen Titel „Vier Generationen, eine Einheit“ eifern Sie diesem dann auch fleißig nach und schreiben:

Schon einen Tag, nachdem der erste Ministerpräsident David Ben Gurion den jüdischen Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen hatte, standen die militärischen Mächte von Ägypten, Syrien, Jordanien, Saudi-Arabien, dem Irak und Libanon an sämtlichen Grenzen. Bis an die Zähne bewaffnet und in ihrer Zahl den jüdischen Kämpfern haushoch überlegen.

[…]

Mit dem Mut der Verzweiflung schlugen sie die übermächtigen Feinde in die Flucht.

Man kann es eigentlich gar nicht oft genug wiederholen. Vielleicht bliebt ja irgendwann einmal etwas bei Ihnen hängen:1

Sehen wir erst einmal davon ab, dass während des Bürgerkriegs zwischen November 1947 und Mai 1948 mehr als 30.000 jüdische Milizionäre lediglich etwa 3000 palästinensischen Milizionären gegenüberstanden, weil die arabische Seite durch den anti-britischen Aufstand 1936-1939 sowohl politisch als auch militärisch kopflos und völlig zerstreut war: viele der Führer waren getötet worden oder ins Exil gegangen und die britische Armee hatte die bewaffneten Milizen und Banden  weitgehend aufgerieben.

Es war also gerade diese völlige Abwesenheit jeglichen organisierten militärischen Widerstandes der palästinensischen Seite, durch den es den jüdischen Streitkräften  gelang, in den Monaten November 1947 bis Mai 1948 mehr als 250.000 Palästinenser zu vertreiben, noch bevor der eigentliche Krieg dann Mitte Mai überhaupt los ging und die arabischen Truppen den neu gegründeten israelischen Staat angriffen. Benny Morris, einer der führenden zionistischen Historiker, schreibt in seinem Buch „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“:

On the eve of the war, the Haganah had altogether 35.000 members.2

Im Juni waren es dann schon 42.000 gut ausgerüstete und wie – sie richtigerweise sagen – hoch motivierte jüdische Soldaten. Die arabische Seite konnten zu dieser Zeit 28.000 Soldaten aufbringen. Sie bestand aus 5.500 Ägypter, 6000-9000 arabische Legionären, 6000 syrische Truppen, 4.500 Irakern, einer Handvoll von Libanesen sowie die Überreste der palästinensischen Milizen und Freiwilligen. Im Juli waren es schon 65.000 jüdische Soldaten gegenüber 40.000 Arabern, im Frühjahr 1949 dann 115.000 Soldaten bei etwas mehr als 55.000 arabischen Soldaten.3

Beachtenswert ist hier zudem, dass unter den arabischen Truppen Ende 1948 alleine 18.000 Jordanier waren, die zumindest nach der Besetzung des heutigen Westjordanlandes und einigen Scharmützeln mit der neu gegründeten IDF Däumchen drehten, als die israelische Einheiten die anderen arabischen Truppen ungestört überrannten. Warum? Der jordanische König hatte ein Geheimabkommen mit der israelischen Führung geschlossen, dass dieser lediglich das heutige Westjordanland besetzen sollte. Durch dieses Abkommen wurde die stärkste Fraktion der arabischen Seite neutralisiert. Von der Bewaffnung und dem Nachschub beider Konfliktparteien sowie den Streitereien und der Führungslosigkeit der arabischen Seite wollen wir erst gar nicht anfangen. Da sah es im Verhältnis ähnlich aus und spricht nicht gerade für eine „Übermacht“ der arabischen Truppen.

Stimmt irgendetwas an den aufgeführten Fakten nicht? Dann widerlegen Sie diese doch bitte. Ich lasse mich gerne belehren. Andernfalls fragt man sich, warum Sie noch immer versuchen die Realität zu leugnen und zu verdrehen. Würde das etwas an ihrem selbst gebastelten Weltbild ändern, wenn sie dieser endlich einmal ins Auge sehen würden? Brauchen sie diesen Mythos, um das hier und jetzt vom immer bedrohten jüdischen Staat und die fortwährenden Kriege gegen die israelischen Nachbarn zu rechtfertigen? Warum sind sie nicht so ehrlich wie ein Benny Morris, der wenigstens sagt: Ja, „wir „haben vertrieben. Aber „wir“ haben nur nicht genug vertrieben.

Eine schöne Restwoche wünscht ihnen:

Schmok

  1. Jaja, manch einem der Leser wird das ewige Wiederholen vielleicht langweilen. []
  2. Benny Morris – „Rightous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict 1881 – 2001“, Seite 193 []
  3. Benny Morris – ebd., Seite 217 []