Auf Handelsblatt.com warnt Charlotte Knoblochs Nachfolger Dieter Graumann davor, dass Ägypten ins Chaos verfällt und darum Israels „Sicherheit“ gefährdet sei. Das würde mir natürlich auch gleich als erstes einfallen, wenn tausende von Menschen gegen ein repressives, Jahrzehnte altes Regime aufbegehren. Die Situation in Ägypten zeige zudem, dass Israel als einzige Demokratie Stabilität für die Region bedeuten würde:

Angesichts der immer heftiger werdenden Proteste in Ägypten warnt denn auch der Zentralrat der Juden in Deutschland vor möglichen Konsequenzen für die Sicherheit Israels. „Generell vergrößern neue Instabilitäten in der Region die Risiken“, sagte der Präsident des Zentralrats, Dieter Graumann, Handelsblatt Online. Eine neue Hisbollah-Regierung im Libanon, der blutige Dauerkampf zwischen Hamas und Fatah, das sei schon schwierig genug. „Und Ägypten in Aufruhr – eine neue Unsicherheit.“ Um so mehr sei zu würdigen, „dass Israel eine stabile Oase der Demokratie in der Region ist“, so Graumann.1

Will heißen: Die Diktatoren in den Nachbarländern passen der rechten Regierung in Israel und anscheinend auch dem Präsidenten des Zentralrats besser, weil sie beim Siedlungsbau, bei der Annexion und Besatzung nicht so störend sind bzw. die gleichen Interessen verfolgen. Zum Beispiel indem sie Gaza abriegeln (Ägypten), den Flüchtlinge elementare Rechte vorenthalten (Libanon) oder die Mehrheit der Bevölkerung in Schach halten (Jordanien). Diese Staaten mit ihren mehr oder minder brutalen Regime haben ebenfalls ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Situation im Westjordanland und Gaza, weil sie damit immer von der eigenen Repression ablenken können. Ägypten, Jordanien und (ja, auch) der Libanon ergänzten sich bisher ausgezeichnet mit Israel, wenn es darum ging Palästinenser unmittelbar oder mittelbar nieder zu halten.

Das alles könnte jetzt zusammenbrechen. Denn nicht nur in Ägypten gehen die Menschen auf die Straße, sondern unlängst auch in Jordanien. Und was macht der Zentralrat? Ganz vorne dabei, wenn es darum geht, dem Freund Mubarak die Stange zu halten. Man könnte schon fast annehmen, hier würde nicht Graumann, sondern der israelische Botschafter Ben-Zeev sprechen.

„Der blutige Machtkampf zwischen Fatah und Hamas“ ist dann auch ein guter Witz. Während Netanjahu und sein Club rechtsgerichteter Nationalisten ordentlich im Westjordanland in Judäa, Samaria und Ostjerusalem dem ungeteilten Jerusalem weiter bauen und ab und zu Gaza bombadieren lassen, palästinensisch-israelische Demonstrationen niederschlagen und die „Palestine Papers“ die ganze Verlogenheiten der Verhandlungen aufzeigen, ist dies dem Graumann kein Sterbenswörtchen wert. Dass Israel seinen Teil dazu beiträgt, dass die Lage so unsicher ist, ist in den Augen Dieter Graumanns natürlich absurd. Bedroht ist eben nur Israels „Sicherheit“. Was Israel beitragen könnte, um die Lage zu entspannen, darüber schweigt Graumann natürlich.

Und die Moral von der Geschicht‘? Die einzige Demokratie im Nahen Osten kann anscheinend nur so weiter fuhrwerken, wenn es um sie herum ordentlich undemokratisch zugeht.

  1. „Ägypten-Unruhen stürzen Obama in ein Dilemma“Handelsblatt.com, 28. Januar 2011 []