Wie bringt man eine Frau in Verruf und macht aus ihr eine „umstrittene“ Wissenschaftlerin? Ein Lehrbeispiel, wie Antisemitismus auch funktionieren kann.

Tamar Amar-Dahl ist eine aus Israel emigrierte Historikerin. Wie so viele junge linke oder liberale Israelis, verließ sie Israel und gab zudem 2006 aus Protest gegen den Libanonkrieg ihren israelischen Pass ab, um im Ausgleich die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen.1 Nun ist Tamar Amar-Dahl in das Fadenkreuz des Antisemitismusforschers Clemens Heni geraten.

Was Heni dazu bringt, Amar-Dahl zu attackieren, darüber könnte man lange spekulieren. Ist es der Neid eines erfolglosen Politikwissenschaftlers, der vielleicht mal ab und an einen Artikel bei Hagalil unterbringen kann, dem aber ein Lehrauftrag, wie ihn Amar-Dahl letztes Jahr an der Humboldt-Universität zu Berlin erhielt, vorenthalten bleibt? Was veranlasst Clemens Heni, den „Arier mit dem übergroßen Antisemitenriecher“ (Alan Posener), Dreck auf eine junge Wissenschaftlerin zu werfen?  Ist es „nur“ die politische Differenz? Oder ist vielleicht doch die Feindschaft gegen Menschen jüdischer Herkunft, die nicht solcher Art jüdisch sein wollen, wie es Clemens Heni von ordentlichen Juden erwartet?

In seinem vor einigen Tagen veröffentlichen Pamphlet gegen Amar-Dahl schreibt Heni:

Dr. Tamar Amar-Dahl hat 2008 in München an der Ludwig-Maximilians-Universität über Shimon Peres promoviert. Sie ist eine höchst umstrittene Wissenschaftlerin und politische Aktivistin.2

Warum die Wissenschaftlerin Amar-Dahl „höchst umstritten“ sei, bleibt Henis Geheimnis. Tatsächlich geht es ihm bei seinen „Recherchen“ weniger um eine nachholende Qualitätskontrolle in der Wissenschaft als darum, sich eine Verschwörungstheorie über ‚antizionistische Umtriebe‘ an deutschen Universitäten zu basteln, in die er alle Wissenschaftler einreiht, die mit Amar-Dahl bereits entfernt zu tun hatten – angefangen bei Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, der Leiterin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg, die sich erdreistete, Amar-Dahl zu einem Vortrag einzuladen, über den Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München, Prof. Dr. Horst Möller, der zusammen mit Prof. Dr. Moshe Zuckermann aus Tel Aviv die Begutachtung von Amar-Dahls Dissertation übernommen hatte, bis hin zu Prof. Dr. Christina von Braun, der Leiterin des neu errichteten Kollegiums Jüdische Studien in Berlin, in dessen Rahmen Amar-Dahl kürzlich einen Lehrauftrag übernahm.

Ja nicht einmal vor Hans Mommsen, der es wagte, Amar-Dahls Arbeit positiv zu besprechen, schreckt der umtriebige Denunziant Clemens Heni zurück. Zur Erinnerung: Mommsen gilt, völlig unstrittig, als einer der international angesehensten Fachhistoriker zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust, dem Heni dessen ungeachtet bescheinigen möchte, „kein Experte der Antisemitismusforschung“ zu sein. Offenbar trägt man Mommsen in Henis Kreisen noch immer nach, dass er 1996 die sog. Goldhagen-Debatte anstieß und hierdurch die vollständige wissenschaftliche Erledigung von Henis großem Vorbild in Sachen „Antisemitismusforschung“ einleitete.3

Dabei erschnüffelt Heni mit seinem großen Riecher4 noch jeden Furz, um ihn dann mit weit aufgerissenen Augen einzuatmen. Selbst Amar-Dahls ehemaligen Doktorvater Prof. Dr. Michael Brenner schreibt er an und telefoniert ihrem neuen Gutachter in München hinterher. Zuguterletzt enthüllt er dem staunendem Publikum, dass Amar-Dahl auch gerade deswegen unseriös sei, weil sie ihre Arbeit auf den theoretischen Grundlagen Edward Saids aufbaue und dann sogar noch in einer Zeitschrift publiziere, welche auch Texte des „anti-israelischen Agitators“ Prof. Noam Chomsky abdrucke. Eine Sammlung von „Fakten“, die einen im Grunde nur mit den Schultern zucken lassen und letztlich weniger über Tamar Amar-Dahl aussagen als über Clemens Heni. Der einzige, der dadurch ergriffen und geschockt zu sein scheint, ist denn auch der Schnüffler selbst.

Völlig fassungslos fragt Heni:

Wusste die Leitung des Instituts für die Geschichte der Deutschen Juden nicht, wer Tamar Amar-Dahl ist, wie unwissenschaftlich (sic!) sie arbeitet und was für Thesen sie vertritt?

[…]

Wieso bezahlt die Humboldt-Universität eine anti-israelische Akademikerin?

Heni ist sich auch nicht zu blöd, Amar-Dahl eine „sekundär antisemitische Reaktionsweise“ vorzuwerfen, weil sie auf einer FES-Tagung sagte:

„Mich schockiert, dass hier immer wieder das Thema Holocaust und die Juden so stark – wie man sagt – durchgekaut wird. Das ist für mich manchmal viel zu viel.“5

Ein völlig aus dem Kontext gerissenes Zitat – dafür aber ein gefundenes Fressen für „sensible Antisemitismusforscher“, wie Clemens Heni einer ist: jemand, der einer Tochter marokkanischer Juden jetzt auch noch Antisemitismus vorwerfen will, weil sie – zumal als Sephardin – anscheinend persönlich weniger durch die Vernichtung der europäischen Juden geprägt wurde als viele der aus Europa stammenden oder hier lebenden Aschkenazim. In deren persönlichem Leben spielt die Verfolgung und Vernichtung eine nicht von ungefähr bedeutendere Rolle. Fast jede Familie hat Verwandte oder Freunde verloren – ganz im Gegensatz zu den meisten Sepharden oder Mizrachim.6 Solche unterschiedlichen Erfahrungen, die ein jeder macht und auf seine Kinder überträgt, sowie der jeweilige Umgang damit – all dies scheint Heni der jungen Wissenschaftlerin ziemlich übel zu nehmen.

Ein Mensch jüdischen Glaubens oder auch nur jüdischer Herkunft muss dem Juden im Kopfe Clemens Henis gleichen. Und tut er es nicht, ist ihm die persönliche Gegnerschaft des Philosemiten sicher. 7 Genau das ist die gefährliche Seite des Philosemitismus: Im selben Maße, wie er alles Jüdische positiv überhöht, droht er in blanken Hass umzuschlagen, wenn einzelne Juden und Menschen jüdischer Herkunft einfach nicht so sind, wie er sie sich phantasiert hat.

Ich muss zugeben: Lange Zeit hatte ich nicht verstanden, wie diese Art  von Philosemitismus eigentlich funktioniert. Ich glaubte immer, er äußere sich in seiner Extremform in Gestalt des klassischen Antisemitismus. Dass also derjenige, eben gerade noch ein „Freund“ Israels und des Judentums, plötzlich enttäuscht vom imaginären und nur in seinem Kopf bestehenden Kollektiv „der“ Juden, in offenen Hass verfallen würde. Genau gegen jenes Kollektiv, was er voher noch als unfehlbar betrachtete. Doch der wirkliche – oder zumindest typischere – Philosemitismus ist viel perfider. Er richtet sich als Form des Antisemitismus nicht gegen das Kollektiv an sich, sondern es greift sich nur eine spezifische Gruppe heraus: diejenigen, die nicht in solcher Weise „jüdisch“ sind, wie der Philosemit es für sich definiert. Von ihnen ist er enttäuscht und gegen diese „Störer“ in seinem Bild des Judentums richtet sich dann sein Abneigung. Genauso und nicht anders funktioniert dies bei Celems Heni: Ein Mensch  jüdischer Herkunft, der das Verbrechen begeht, nicht so zu sein, „wie es sich für einen Juden gehört“, kann dann auch nur ein Antisemit sein. Ja was denn sonst, Heni? Natürlich! Das schlimmste dabei ist: Es werden ständig mehr! Immer mehr antisemitische Juden. Man sieht bald ganz Israel vor lauter Antisemiten nicht mehr.

Darum ist diese Art des Philosemtismus nicht das Gegenteil des Antisemitismus, wie einem so oft glauben gemacht wird. Die Darstellung als bloßes Gegenteil, als positiver Rassismus, verharmlost ihn. Denn wenn er das Gegenteil des Antisemitismus wäre, dann könnte der Philosemitismus gar nicht so gefährlich sein: er endet ja nicht in der Vernichtung des Feindobjekts. Aber es verhält sich hier anders. Dieser spezifische Antisemitismus richtet sich nicht gegen das Kollektiv in seiner Gesamtheit, also gegen „die“ Juden. Jedenfalls nicht unmittelbar. Der Philosemit Henischer Provinienz schleudert demjenigen, von dem er entäuscht ist, das Schärfste entgegen, was er einem Menschen entgegenhalten kann. Er belegt ihn mit dem für den Philosemiten selbst, in seinen moralischen Kategorien, furchtbarsten Bild und Begriff, den er von einem menschlichen Wesen haben kann: Antisemit zu sein.

Das ist der der wirkliche Hass des Philosemiten. Der Moment, in dem sein Verständnis vom Juden enttäuscht wird und er nicht das Kollektiv, sondern den „antisemitischen Juden“ mit denen gleichsetzt, die die Juden als Feinde ansehen und sie in letzter Konsequenz vernichtet sehen wollen. Zugegeben: Heni geht hier bei Amar-Dahl vorsichtiger vor als ein Alex Feuerherdt. Letzterer beschimpft Juden inzwischen offen als Antisemiten; bei Heni ist es nur eine „sekundär antisemitische Reaktionsweise“. Sie meinen damit aber beide das gleiche.8

Genau darum reicht es oft auch nicht bei Leuten wie Tarach, Feuerherdt oder Heni lediglich ihre „Fakten“ zu prüfen. Denn auf die (historischen) Tatsachen kommt es ihnen gar nicht an. Widerlegt man ihre Behauptungen, finden sie einfach neue, um ihre Feinschaft zu legitimieren. Man kann diesen Leuten nicht alleine mit Empirie beikommen. Man muss ihre Vertreter zusätzlich als das entlarven, was sie sind: auch nur gewöhnliche, im Kleid des „Judenfreunds“ auftretende Antisemiten.

  1. Man fühlt sich unweigerlich an Michel Warschawaski erinnert, der schon vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht hatte, dass von den zehn engsten Freunden seines Sohnes inzwischen acht Israel den Rücken gekehrt hätten. []
  2. http://clemensheni.wordpress.com/2010/10/24/salonfahiger-hass-auf-israel/; Hervorhebung von mir []
  3. Die umfassendste Kritik erfuhr Goldhagen durch Ruth Bettina Birn. Er versuchte dem Herr zu werden, indem er juristisch gegen sie vorging, anstatt ihre Kritik inhaltlich zu widerlegen. Fast die gesamte Fachwissenschaft wies Goldhagens These als unwissenschaftlich zurück, unter anderen auch Christopher Browning und Raul Hilberg. Vgl. auch ein Interview mit Hilberg über den „Neuen Antisemitismus“: http://www.logosjournal.com/issue_6.1-2/hilberg.htm []
  4. Achtung, sekundärer Antisemitismus! Ach was, nur sekundärer? []
  5. Israel-Tage 2005: http://www.fes.de/international/nahost/pdf/Doku_Israeltage.pdf, S. 182. []
  6. Dabei soll nicht das Leid geschmälert werden, das sephardische Juden durch die Vertreibung aus den arabischen Staaten erfahren haben. []
  7. Der Begriff „Philosemitismus“ ist nicht unproblematisch, handelt es sich doch ursprünglich um einen Kampfbegriff der Antisemiten des 19. Jahrhunderts gegen die Verteidiger der Emanzipation der Juden in Deutschland. Mit dem hier angesprochenen „Philosemitismus“ ist jedenfalls keine der Typen gemeint, wie Schoeps sie unterteilt. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Philosemitismus#Typisierungsversuche. []
  8. In seinem neuesten Streich gegen Grosser nimmt Heni dagegen kein Blatt vor den Mund: „Wer die Situation von Palästinensern heute mit der Situation von Juden 1938 im Nationalsozialismus auch nur im aller geringsten in Beziehung setzt, agiert antisemitisch.“ — Clemens Heni, „Erinnern, um zu vergessen“ – Die Jüdische, 10.11.2010: http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_Kat=3&Param_RB=31&Param_Red=13439 []