Die Anti-Defamation League (ADL), eine amerikanische Organisation, die gegen Diskriminierung und Diffamierung von (nicht ausschließlich) Juden eintritt, macht Stimmung gegen Kritiker der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik. Neuster Streich: eine Top 10 der israelfeindlichsten nordamerikanischen Organisationen. Darunter finden sich Gruppen wie die von israelischen und palästinensischen Aktivisten gegründete International Solidarity Movement (ISM), Act Now and Stop War and End Racism (ANSWER) und auch die vor allem bei jungen amerikanischen Juden immer stärker vertretende Jewish Voice for Peace (JVP).1 Dabei behauptet die ADL, die Organisation Jewish Voice for Peace sei nicht nur antizionistisch, sondern würde auch ihre jüdische Identität dazu benutzen, Antisemiten zu beschützen. Unter anderem würden die jüdischen Friedensaktivisten zudem den Holocaust relativieren und mit der palästinensischen Nakba gleichsetzen, während sie mit ihrer Gegnerschaft zu der Vertreibung die Existenz Israels in Frage stellen.

Man kann den Linksliberalen von JVP (oder in Israel von Peace Now) ja vieles vorwerfen. Aber nicht gerade, dass sie mit ihrer Zweistaatenlösung die Existenz Israels in Frage stellen würden. Vielmehr sind diese Organisationen (wie auch z.B. in Deutschland die „Jüdische Stimme“) ausgemachte Demokraten, die lediglich die Unterdrückung der Palästinenser anprangern und sich Frieden zwischen Israel und den Palästinensern in Form eines souveränen palästinensischen Staates wünschen. Die Verteidigung der „demokratischen Werte“, wie sie von allen (auch linken) Freunden Israels immer hochgehalten wird: diese Verteidigung der Demokratie, für die Israel immer als einzige im Nahen Osten gelobt wird, fällt da wohl auch zum großen Teil den „Antizionisten“ von Peace Now und JVP zu.  Antizionismus sieht doch wohl eigentlich anders aus. Aber Zeiten ändern sich. Heute ist anscheinend schon derjenige Antizionist, der einfach keinen Krieg und keine Gewalt mehr will.

Aberwitzig auch der Vorwurf der ADL an die Jewish Voice for Peace, Aktivisten hätten bei Demonstrationen gegen das Gaza-Massaker Schilder getragen, auf denen stand: „Starving Palestinians is not my Judaism“. Zurecht fragt da JVP in ihrer Antwort an die ADL zurück: „Was ist dann Euer Judentum?“2

Junge Aktivisten der Jüdischen Stimme bei einer Podiumsdiskussion zu einem Artikel von Ires Hefets in der TAZ

Währenddessen zieht die Kampagne der ADL einiges an Aufmerksamkeit auf die JVP. Die New Yorker Jewish Week widmete dem Thema gestern (20.10.2010) einen ihrer Hauptartikel.3 Darin beleuchtet James D. Besser, warum JVP wirklich unter Beschuss der ADL gerät: Während andere linke jüdische Gruppen wie J-Street oder Americans for Peace Now eher im jüdischen Spektrum arbeiten, glückt JVP nicht nur vermehrt die Zusammenarbeit mit nicht-jüdischen Gruppen in der USA, sondern sie tritt auch immer stärker in den Universitäten auf. Abraham Foxman, Kopf der Anti-Defamation League, gab dabei zu, dass JVP nicht anders als andere Gruppen agiere. Der JVP komme aber eine größere Audienz zu, als es den anderen linken Juden und jüdischen Gruppen zu gelingen vermag.

Was die JVP, aber auch andere linke und liberale Gruppen wie z.B. J-Street, zu einem Problem für die rechts-konservativen Anhänger von AIPAC oder der ADL macht: sie sind Juden, sie repräsentieren nicht nur den extremen Rand, sondern vermehrt die Mitte der jüdischen Gemeinden. Und:  sie sprechen sich für Frieden und Dialog mit den Palästinensern aus. Foxman beklagt sich, die Jewish Voice sei unfair und unausgeglichen in ihrer Parteinahme für die Palästinenser. Und darum sei sie eine Gefahr für Israel.

Eine Gefahr für Israel? „Ist also unausgeglichen und unfair gleich anti-israelisch?“, fragt sich die Jewish Week. „Man sei weder explizit anti-, pro- oder post-zionistisch“, zitiert sie eine der Aktivistinnen der JVP. Es gebe weder eine Forderung nach einer Einstaaten- oder Zwei-Staaten-Lösung. Beides werde vertreten. Erheiternd ist dabei, dass auch die Rechte in Israel sowohl die Ein- als auch die Zwei-Staaten-Lösung befürwortet. Nur sieht die Ein-Staaten-Lösung bei jenen keine Araber in Israel vor. Dabei unterscheidet sich die amerikanische JVP nicht allzu sehr von ihren europäischen Zwillingen der European Jews for a Just Peace (EJJP) oder deren deutschen Ableger „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden“, die auch gerne mal von Knalltüten und deutschen Rassisten wie Alex Feuerherdt als „Antisemiten“ beschimpft werden4 Deren Agenda ist nun alles andere als antizionistisch: Rückzug der Siedler aus den besetzten Gebieten, Anerkennung eines palästinensischen Staates in den international anerkannten Grenzen von 1967 und ein gerechte und praktikable Lösung des Flüchtlingsproblems. Fast alles Forderungen, die angeblich ja schon während Friedensprozesses von Oslo und auch der Roadmap versprochen wurde. Selbst bei der Rückkehr der Flüchtlinge will man nur eine „gerechte“ und „praktikable“ Lösung angehen. Ähnlich formulierte es auch Finkelstein einst: Wenn sowohl von jüdischen oder palästinensischen Aktivisten vom Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge gesprochen wurde, war nie die Rede davon, dass alle vier Millionen in das israelische Staatsgebiet zurückkehren sollten. Wohl eher war von einigen Tausend die Rede. Aber moralische Anerkennung fordere man und auch materiellen Ausgleich. Von „Antizionismus“, der Israel in Frage steht, ist dabei weit und breit nur wenig zu sehen. Kein Wunder, dass immer mehr junge amerikanische und europäische Menschen jüdischer Herkunft oder Glaubens den „Irren von Zion“ den Rücken zukehren und vermehrt den Dialog mit der palästinensischen Seite suchen.

  1. http://www.adl.org/main_Anti_Israel/jewish_voice_for_peace.htm []
  2. http://www.jewishvoiceforpeace.org/blog/adl-it-again []
  3. http://www.thejewishweek.com/news/international/adl_list_fuels_debate_over_whats_anti_israel []
  4. vgl. „Friedensliebe, Judenhaß – Alex Feuerherdt über die „Taz“, das Blatt für den alternativen Antisemiten“, Konkret 10/2010 []