In den letzten zwölf Monaten ist „American Radical – The trials of Norman Finkelstein“, eine Dokumentation der beiden Filmemacher David Ridgen und Nicolas Rossier, weltweit auf Dutzenden Filmfestivals gezeigt worden. Neben vielen amerikanischen Großstädten wie New York oder San Francisco unter anderen auch in Jerusalem, Beirut, Montreal, Warschau, Istanbul, Moskau, Buenos Aires oder London. Es ist nicht schwer zu erraten, wo dieser Film bisher totgeschwiegen wird: in Deutschland.

American Radical - FilmplakatDabei wird Norman Finkelstein, Sohn von Überlebenden des Warschauer Ghetto­aufstands, nicht nur in der BRD kontrovers diskutiert, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern – dies vor allem aufgrund seines Buches „Die Holocaust-Industrie“1, in dem er pro-israelischen Organisationen vorwirft, die Shoah auf Kosten der Überlebenden und auf dem Rücken der Ermordeten für ihre Zwecke auszubeuten und zu instrumentalisieren. Finkelstein schlug eine Welle der Empörung und der Verleumdung entgegen2, die bis heute nicht abgerissen ist und in Deutschland ihren gegenwärtigen Höhepunkt mit der Verhinderung seiner Auftritte in Berlin und München erreichte.3 Zugegeben: Finkelstein spielte der europäischen Rechten mit diesem Buch durchaus in die Hände. Seine Intention war dagegen eine gänzlich andere. So folgerte selbst der 2007 verstorbene Raul Hilberg, Vater der internationalen Holocaust­forschung4, dass Finkelsteins Ton zwar extrem polemisch sei, seine Schlussfolgerungen aber eher moderat.5

In den Staaten dagegen wurde Finkelsteins Buch etwas weniger stark beachtet, dafür umso mehr seine Auseinandersetzung mit dem Buch „The Case For Israel“ von Harvard-Professor Alan Dershowitz, das Finkelstein bei Amy Goodman auf Democracy Now sowie in seinem darauf folgenden Buch „Beyond Chuzpah – On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History“6 als Plagiat überführte. Dershowitz machte daraus eine politische Causa, indem er aus Rache einen Feldzug gegen Finkelstein eröffnete, der darin mündete, dass Finkelstein die Festanstellung an der Universität von Chicago verweigert wurde. Darüber hinaus nimmt Finkelstein in seinem Buch auch die These vom „Neuen Antisemitismus“ (siehe auch der Artikel „The Myth of the New Anti-Semitism“ von Brian Klug) auseinander und rekonstruierte in unvergleichbarer Detailarbeit den tatsächlichen Ablauf des Nahostkonflikts, um ihn mit seiner verfälschten Darstellung in Dershowitz‘ „The Case for Israel“ zu konfrontieren.

Finkelstein und Dershowitz während ihres Streitgesprächs bei Amy Goodman

Die Dokumentation begleitet Finkelstein über einen längeren Weg und enthält auch ältere Bildaufnahmen. Dabei kommen sowohl seine Kritiker, wie unter anderen Alan Dershowitz, als auch seine Unter­stützer wie Noam Chomsky – dessen Schüler Finkelstein war -, Avi Shlaim und der verstorbene Raul Hilberg zu Wort. Die beiden Filmemacher Ridgen und Rossier schreiben zu ihrem Film:

For us, Finkelstein is the consummate documentary subject: a complex firebrand, principled to the point of self-ruin at the apex of several of the world’s largest conflicts. A man who has never been asked to appear on mainstream American television, but who regularly appears – always creating controversy – in the international media. Norman Finkelstein’s life is about focus, through a prism of his upbringing by Holocaust survivors. The dogged, often self-destructive pursuit of his principles and foes can both inspire and repel. At once anti-hero, clown, and merciless scholar, Finkelstein creates as many storms as he enters. Few will go where he does. A Jew deliberately walking into Hezbollah headquarters, into a Palestinian refugee camp, into a room filled with those who vehemently oppose  his views, to speak his mind. And to what end? When radicals collide, does it create understanding? Some would argue, that sometimes it does. Others would claim that Finkelstein’s principled but too often bitter advocacy does much to discredit the cause of a just resolution of the Israeli-Palestinian conflict. Audiences can decide for themselves.

Hier nun der leider etwas langsam ladende Film „American Radical – the trials of Norman Finkelstein“:

  1. „Die Holocaust-Industrie – Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird“, 2001 erschienen im Pieper-Verlag []
  2. Gleich drei Bücher widmeten sich Finkelsteins Buch und der darauf folgenden Diskussion: „Gibt es wirklich eine Holocaust-Industrie – Zur Auseinandersetzung um Norman Finkelstein“, herausgegeben von Ernst Pieper. Dabei stellt der Band „Ein ‚jüdischer David Irving‘? Norman G. Finkelstein im Diskurs der Rechten – Erinnerungsabwehr und Antizionismus“, herausgegeben von Martin Dietzsch und Alfred Schobert, nur eine Sammlung von Zeitungsartikeln dar. Das dritte Buch habe ich vergessen, es war aber auch ein Sammelband, ich erinnere mich aber nicht an den Namen. []
  3. Siehe auch den äußerst lesenswerte Beitrag bei Rhizom. []
  4. Hilbergs Werk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ erschien schon 1961 und ist – in den folgenden Jahren fortlaufend aktualisiert – bis heute das herausragendste Standardwerk auf diesem Gebiet. []
  5. Siehe Interview im Film. []
  6. in Deutschland erschienen unter dem Titel „Antisemitismus als Waffe“ []