Etwas an mir vorbei gegangen ist die in den letzten Wochen geführte „taz-Debatte“. Inzwischen wurden in ihr acht Beiträge veröffentlicht. Die  Debatte hat ihren Ursprung  teilweise in Iris Hefets provozierenden Artikel „Pilgerfahrt nach Auschwitz„, der später zu einem Eklat in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Berlins führen sollte, als Lala Süsskind die „jüdischen Antisemiten“ von der EJJP rauswerfen ließ.1 Unlängst veröffentlichte die taz dann auch ein Streitgespräch zwischen Kramer und Hefets.2 Der Hauptgrund für die Debatte war die Erstürmung der „Freedom Flotilla“, die den Blick der Öffentlichkeit auf den Konflikt schärfte. Und ganz vorne dabei: unsere taz. Teilweise überschneidet sich dann auch der Konflikt zwischen der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost auf der einen und dem Zentralrat auf der anderen Seite mit dem Inhalt der acht Artikel umfassenden Debatte.

Interessant sind die einzelnen Kommentare der Debatte nicht nur inhaltlich; auch die Mischung der Autoren sollte hellhörig machen. Ein palästinenensische Stimme ist (bisher) anscheinend nicht vorgesehen. Dabei ähnelt diese Auseinandersetzung den gleichzeitig verlaufenden in den USA. So gab es eine längere Debatte in der New York Times.3 Und auch dort: keine Palästinenser. Das liegt nicht etwa daran, dass es keine prominenten palästinensischen Intellektuellen in den USA gäbe. Zu erwähnen sind viele, die hätten beteiligt werden können: Rashid Khalidi, Nadia Hijab oder Professor George Bisharat.4 Warum dürfen nur Deutsche und jüdische Israelis, dabei sowohl Befürworter und Gegner, an der Debatte teilnehmen? Ich rede hier nicht von irgendeiner Verschwörung. Dieser Umstand ist meiner Meinung nach einfach der westlichen Ignoranz und einer gehörigen Portion Rassismus geschuldet. Dieses Phänomen, dass diejenigen, die am meisten betroffen sind, oft nicht zu Wort kommen, tritt ja nicht nur bei den Palästinensern auf. Im Falle dieser Debatte sind sie es aber gerade, die seit mehr als 60 Jahren (nicht nur von Israel) unterdrückt, getötet und vertrieben wurden und immer noch werden. Sie werden praktisch mundtot gemacht. Wird die taz auch endlich einmal diese Seite zu Wort kommen lassen?

Stephan Kramer: Kein schöner Land

Kramers Beitrag5 hatte ich kaum angelesen, schon musste ich feststellen, dass der Text der Brandrede auf der Jubeldemo zum Blutbad auf der Mavi Marmara Mitte Juni ähnelte. Der Beitrag spricht für sich selbst. Kramer lässt ein einseitiges Verständnis des Konflikts durchblicken. Ein umfassendes Embargo für Spielzeug und Pasta, Zement und medizinische Güter dient seiner Meinung nach dazu, Waffenlieferungen nach Gaza zu verhindern. Die „Linke“, ein einziger Haufen von Antisemiten, die nur ihren Judenhass auf Israel projizieren. Ein „Schlägertrupp“ auf der Mavi Marmara, unschuldige (schwerbewaffnete) israelische Kommandoeinheiten, die sich lediglich gegen einen dschihadistischen Mob zu Wehr setzen.  Und was nicht fehlen darf: Israel als Opfer der Hamas, welches sich nur gegen aus Judenhass abgefeuerte Raketen zu Wehr setzt. Dass Israel regelmäßig Gaza bombardiert, gezielte Tötungen mit massig Kollateralschäden durchführt und Gaza trotz Abkommens über eine Lockerung hermetisch abgeriegelt hatte, das vergisst Herr Kramer zu erwähnen. Israel, das Siedlung um Siedlung baut und seine Nachbarbevölkerungen in Angst und Schrecken versetzt, als das einzige Opfer des Konflikts, gehasst von allen anderen. Schnell noch den Genozid an den Armeniern missbraucht, fertig ist die rhetorische Abwehr, durch die man sich mit der „eigenen“ Seite nicht mehr beschäftigen muss. Dass Israel jahrzehntelang liebend gerne Geschäfte mit der Türkei machte, spielt dabei natürlich keine Rolle. Plötzlich deutet man auf die Kurden, um sich seiner eigenen Vergangenheit zu entledigen, die auch darin bestand, sich kritiklos und stumm zu den Taten der Türkei gegenüber den Kurden zu stellen oder einen international geächteten Staat wie Südafrika in den 70ern und 80ern großherzig zu unterstützen.6 Und natürlich kauft auch die Türkei bis heute große Mengen an Militärausrüstung in Israel ein.7 Also nichts Neues: Kramer, wie eh und je nicht ernst zu nehmen, einer Auseinandersetzung nicht wert und an dieser vermutlich auch gar nicht interessiert.

Hildebrand und das Schlossgespenst

Als weiterer Beitrag erschien „Das Gespenst des Zionismus“ von Klaus Hildebrands.8 Der  Chef vom Dienst in der taz wirft in seinem Artikel – ähnlich wie Kramer – wieder alles zusammen: Nazis, Linke, Islamisten. Sie alle kritisieren das „zionistische Gebilde“. Eine Antwort auf die Frage, wer diese „Linken“ sein sollen, bleibt Hildebrand schuldig. Denn die deutsche „Linke“ ist weitgehend israelsolidarisch oder gar zu einem nicht gerade unwesentlichen Teil in rassistischer Weise philosemitisch.

Keine Frage: es gibt auch viele Menschen innerhalb der sog. Linken, deren Ansichten über Israel nahe am antisemitischen Ressentiment gebaut sind. Aber davon abgesehen spricht heute, außer ein paar alten, vom Rest der Gesellschaft isolierten Freunden des Marxismus-Leninismus, kaum einer mehr vom „zionistischen Regime“, sondern es werden höchstens gleiche Rechte für die arabischen Israelis eingefordert und die Praxis kritisiert, die Israel an den Palästinensern übt. Das Wort „Zionisten“ fällt dabei schon lange nicht mehr. Vor allem deswegen, weil diese längst selbst mit Nicht-, Anti- und Post-Zionisten am gleichen Strang ziehen, wenn die einen für die Rechte der Palästinenser eintreten und die anderen für den Erhalt ihres Staates kämpfen, der durch seine letzten Regierungen immer mehr an den Rand eines Bürgerkriegs oder gänzlichen Kollaps gedrängt wurde.

Gleichzeitig verkennt Hildebrand aber, dass ein Staat, der sich einer Religion verpflichtet fühlt, automatisch zu rassistischen Mitteln greifen muss, um seine Identität bewahren zu können. Ein „jüdischer Staat“ mit 60% Nichtjuden macht dann eben doch keinen Sinn. „One man, one vote“, wie es so schön heißt, wäre das Ende eines jüdischen Israels. Und je höher die Anzahl der Nichtjuden, desto gravierender wird ihre Unterdrückung sein, weil diese Minderheiten verstärkt in die Öffentlichkeit drängen werden. Dies schon getrennt davon, ob sich ein solcher durch Religion definierter Staat (Beispiel Saudi-Arabien) auch ganz ohne religiöse Minderheiten nicht zu einer faschistoiden Theokratie entwickeln könnte. Darum geht Hildebrands Artikel auch vollkommen an der Realität vorbei. Oder um es in den Worten des Historikers Eric Hobsbawm zu sagen:

Weder Völkermord noch Massenaustreibung der Palästinenser aus dem, was von ihrem Land übriggeblieben ist, noch etwaige Zerstörung des Staates Israel stehen auf irgendeiner Tagesordnung praktischer Politik. Nur ausgehandelte Koexistenz unter gleichen Bedingungen zwischen den beiden Konfliktparteien kann eine stabile Zukunft gewähren.9

Und genau aus diesen Gründen ist es müßig, die Haltung einiger Nazis, Islamisten und auch weniger „radikaler“ Linker innerhalb der weltweiten Debatte um Israel zu bemühen, in der es heute überhaupt nicht mehr um die „Infragestellung“ des israelischen Staates geht.  Da mag man tausendmal das Gespenst des „Islamismus“ bemühen. Zudem ist die  Aggression und der Friedensunwillen der letzten israelischen Regierungen im Angesicht eines immer weitergehenden Siedlungbaus und anhaltender Vertreibung auf Grund einer völlig neben sich stehenden Fatah für die meisten Menschen offen sichtbar. Es interessiert sich keiner für ein Existenzrecht Israels; das steht bei niemanden, der irgendwie ernsthaft an der Diskussion teilnimmt, auf der Tagesordnung. Heute geht die Frage um Frieden. Frieden vor allem für die Palästinenser, aber auch für Israel. Hildebrands Artikel in der taz war also vollkommen überflüssig, weil es mit der Realität und mit den verschiedenen Konfliktparteien nur wenig zu tun hat. Mit „Nazis, Islamisten und Linken“ wird nur versucht, das Grundproblem der Besatzung auf irgendein vermeintliches Nichtanerkenntnis des Staates Israels durch irgendwen herunterzuspielen. Irgendwen, den es in der öffentlichen Debatte gar nicht gibt.

Und dies ganz abgesehen davon, dass Hildebrand auch inhaltlich völlig falsches Zeug erzählt. So behauptet er, die ersten Zionisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätten noch an eine friedliche Koexistenz geglaubt und die Araber am Reichtum von „Eretz Israel“ teilhaben lassen wollen. Natürlich wird man Quellen finden, die das sowohl opportunistisch als auch wirklich ehrlich vertreten haben. Aber das wird der vielfältigen Diskussion innerhalb der zionistischen Bewegung, den klar formulierten Zielen und dem typisch westlichen Kolonialgebaren vieler Einwanderer nicht gerecht, verkürzt die Wirklichkeit, um sie verfälschend zu repräsentieren. Ben-Yehuda, der  das Hebräisch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil als lebende Sprache wiederbelebte, schrieb zum Beispiel im September 1881 an Peretz Smolenskin in Wien:

Was wir jetzt machen müssen ist so stark zu werden wie nur möglich, so dass wir das Land erobern können, heimlich, Stück bei Stück. […] Wir können das nur heimlich, leise tun. […] Wir werden keine Komitees ausrufen, weil dann die Araber wissen, wonach wir streben, wir sollten lautlos handeln, wie Spione. Wir sollten kaufen, kaufen, kaufen.10

Oder nehmen wir Herzl selber. In der Öffentlichkeit gab er keine explizite Stellungnahme ab, was mit der einheimischen Bevölkerung Palästinas geschehen sollte, aber er war sich durchaus ihrer Existenz und der damit verbundenen Problematik bewusst. Genau darauf bezieht sich hier auch Hildebrand. In seinem Roman „Altneuland“, der 1902 erschien und in einem zukünftigen Palästina um 1923 angesiedelt war, hatten die Juden laut Herzl nur Fortschritt und Prosperität für die Araber gebracht. Die Basis der Zusammenarbeit. Araber könnten demnach gleichberechtigte Bürger des jüdischen Gemeinwesens werden. Privat sprach Herzl aber offen über Transfer, wenn auch mit finanziellem Ausgleich. In seinem Tagebuch schrieb er 1895, dass die einheimische Bevölkerung über die Grenze zu bringen sei, indem man dort Arbeit für sie schaffe, aber ihnen in Palästina oder Israel Arbeit verweigere. Die Armen sollten sogar leise und diskret weggeschafft werden.11

Oder als ein weiteres Beispiel Menachem Ussishkin, einer der führenden Zionisten in eben jenem von Hildebrand erwähnten Beginn des 20. Jahrhunderts. „Land wird auf drei Arten erworben“, schrieb dieser 1904. „Durch Zwang, also durch Krieg oder Raub. […] Durch Enteignung mittels der Autorität des Staates; oder durch Kauf.“ Die zionistische Bewegung sei zur Zeit auf die dritte Methode beschränkt, „bis wir an einem gewissen Punkt die Herren geworden sind.“12

Es gibt auch bei Segev oder anderen Historikern viele weitere Beispiele von fast allen (!) führenden zionistischen Persönlichkeiten, vom Arbeiterzionismus bis zu den Revisionisten, die klar belegen, dass der Zionismus als eine nationalistische Bewegung davon ausging, dass die einheimische Bevölkerung vertrieben werden muss. Nur so war ein jüdischer Staat überhaupt gründungs- und lebensfähig, damals und heute. Denn lediglich solange Nichtjuden die Minderheit stellen, kann ein jüdischer Staat aufrecht erhalten werden. Daran ist im Vergleich zu anderen Staaten erst einmal nichts Besonderes: in Europa wird das Argument der „Überfremdung“ auch von rechts bis links bedient. Und dennoch schreit niemand nach Abschaffung der BRD. Jedenfalls niemand, der am herrschenden politischen Diskurs beteiligt ist.

Hildebrand meint aber nicht nur, den Zionismus falsch darstellen zu müssen, um ihn historisch aus der Schusslinie zu nehmen, sondern führt dessen geschönte Version auch als Hauptargument auf, warum niemand erwarten könne, dass man mit „Antizionisten“ diskutiert. Dabei setzt er die wenigen „Zionismuskritiker“ mit der Gesamtheit aller Kritiken aus dem sog. linken Lager gleich; und damit wird der marginale Antizionismus schlußendlich zur Ausrede, sich mit Kritik an der israelischen Besatzungspolitik, egal wie sie daherkommen mag, nicht mehr länger zu befassen. Eine ziemlich billige Masche und inhaltlich überhaupt nicht haltbar, Herr Hildebrand. Vielleicht sollten Hefets oder Pohl Ihnen mal zum Geburtstag ein oder zwei gute Geschichtsbücher zum Thema Zionismus schenken. Und womöglich habe ich bis dahin auch Ihre „antizionistischen“ Linken gefunden.

(In den nächsten Tagen werde ich die anderen Kommentare der Debatte in nicht chronologischer Reihenfolge ebenfalls vorstellen)

  1. http://schmok.blogsport.eu/2010/05/02/stellungnahme-der-judischen-antisemiten-zum-eklat-in-der-judischen-gemeinde/ []
  2. http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/wir-muessen-aus-der-opferecke-raus/ []
  3. Hier schrieben unter anderen Thomas Friedman, Nicholas Krisfof, Tony Judt oder Amos Oz []
  4. Oder auch, worauf Alex Kane mich aufmerksam machte: Diana Buttu, Ali Abunimah, Saree Makdisi oder Omar Barghouti []
  5. http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/feiger-hass/ []
  6. http://www.thenation.com/article/banquos-ghost-israeli-foreign-policy []
  7. http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/turkey-reportedly-freezes-defense-deals-with-israel-1.296733 []
  8. http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/das-gespenst-des-zionismus/ []
  9. http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Gaza/hobsbawm.html []
  10. Elizer Be’eri: The Beginning of the Israeli-Arab Conflict, 1882-1911, S. 38; zitiert nach Benny Morris: Righteous Victims, S. 49 []
  11. Theodor Herzl: The Complete Diaries of Theodor Herzl, Vol.1 S. 88; Eintrag vom 12. Juni 1985; zitiert nach: Morris, S.20 f. []
  12. Gershon Shafir: Land, Labour and the Origins of the Israeli-Palestinian Conflict 1882-1914, S. 41 f.; zitiert nach Morris, S. 38 []