Legende und historische Wahrheit über einen arabischen Antisemiten

In den vergangenen Jahren haben wir ein spektakuläres Wiederaufflammen des Propagandakriegs zwischen Israel und der palästinensisch-arabischen Seite erlebt. Auch die Anhänger der jeweiligen Lager in Europa und den USA wirken aktiv daran mit. Dieser besondere Aspekt des israelisch-arabischen Konflikts hat für Israel immer eine sehr wichtige Rolle gespielt: Als abgeriegelte Festung innerhalb einer feindlichen Region musste der jüdische Staat vom Tag seiner Gründung an zwangsläufig bei den westlichen Ländern um Unterstützung für seine Sache werben.

Die Zuspitzung der aktuellen Lage lässt das Unverständnis auf beiden Seiten unüberwindlicher denn je erscheinen. Doch wer die offensichtlich elementare Feindschaft zwischen Israelis und Arabern in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung bis hinein in die 1970er-Jahre erlebt hat, der weiß, dass heute, trotz allem, wesentlich mehr Araber und Palästinenser ein friedliches Zusammenleben mit den Israelis für möglich halten und dass andererseits sehr viel mehr Israelis die Gängelung der Palästinenser durch ihren Staat als Unrecht empfinden.

Der Einmarsch im Libanon im Jahr 1982 fügte dem Bild Israels im Westen erstmals beträchtlichen Schaden zu. Die lange Belagerung von Beirut, die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, die unter israelischer Billigung geschahen, schockierten die Weltöffentlichkeit. In Israel selbst ist dieses Trauma, vergleichbar mit den Folgen des Vietnamkriegs für die USA, noch heute gegenwärtig.1

Zwischen dem Libanonkrieg 1982 und der ersten Intifada ab 1987 traten in Israel die „neuen Historiker“ auf den Plan und unterzogen die zentralen Mythen der zionistischen Ideologie einer kritischen Untersuchung, die beachtlich ist.2 Aus der Neubewertung der historischen Ursprünge Israels entstand eine Bewegung, die zwar keine Mehrheit im Staat fand, qualitativ jedoch eine wichtige Rolle spielte: der „Postzionismus“. Das schrittweise Abgleiten der israelischen Gesellschaft ins rechte Lager, vom vorzeitigen Stillstand des Osloer Friedensprozesses bis zur Bekundung eines aggressiven „Neozionismus“, konnte er allerdings nicht verhindern.

Nach der Definition des israelischen Soziologen Uri Ram hat der „Postzionismus eine bürgerrechtliche Prägung, indem er für Gleichberechtigung eintritt und dementsprechend einen Staat für alle Bürger innerhalb der Grenzen der Grünen Linie [der Grenzen Israels vor dem Krieg von 1967] favorisiert, universell und umfassend“. Der Neozionismus hingegen sei partikularistisch, stammesorientiert, ethnonationalistisch, fundamentalistisch und in den Randbereichen sogar faschistisch.3

Die Sabotage der Friedensverhandlungen, der mit Nachdruck vorangetriebene Siedlungsbau in Palästina und die massiven Angriffe auf den Libanon (2006) und den Gazastreifen (2008/09) fügten dem Ansehen Israels in der Welt unweigerlich weiteren Schaden zu.

Eine Galionsfigur des Nationalismus

Um den Imageverlust aufzuhalten, beschwören offizielle israelische Stellen und bedingungslose Anhänger im Westen oft die Erinnerung an die Schoah herauf, weil sie sich davon eine Rechtfertigung ihres Vorgehens erhoffen.4 Immer wieder wurde auch versucht, Palästinenser und Araber mit dem Völkermord durch die deutschen Nationalsozialisten in Verbindung zu bringen. Zu diesen Zweck beriefen sich Stimmen aus dem zionistischen Lager schon gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf den „Mufti von Jerusalem“, der es zu trauriger Berühmtheit gebracht hatte. Amin al-Husseini, in den Zwanziger- und Dreißigerjahren die Galionsfigur des palästinensischen Nationalismus, war 1937 von der britischen Mandatsmacht abgesetzt und aus Palästina ausgewiesen worden, hatte danach eine Weile im Irak gelebt und ließ sich 1941 in Deutschland nieder. Von Berlin und Rom aus beteiligte er sich aktiv an der Propaganda der faschistischen Regime sowie am Aufbau bosnisch-islamischer SS-Einheiten.

In der arabischen Welt – mit Ausnahme Palästinas – war al-Husseini allerdings schon vor seinem Exil weitgehend in Verruf geraten und fand wenig Echo. Trotz seiner zahlreichen Aufrufe an seine Landsleute, sich den Truppen der Achsenmächte anzuschließen, schlossen sich nur 6 300 Soldaten aus arabischen Ländern „verschiedenen deutschen Militärorganisationen“ an, wie ein amerikanischer Militärhistoriker ausrechnete.5 Von diesen stammten 1 300 aus Palästina, Syrien und dem Irak, der Rest aus Nordafrika. Zum Vergleich: 9 000 arabische Soldaten allein aus Palästina hatten sich zu den britischen Streitkräften gemeldet, und in der französischen Befreiungsarmee kämpften 250 000 Maghrebiner, die auch die Mehrzahl der Gefallenen und Verwundeten ausmachten.6

Nichtsdestoweniger bezeichnete die zionistische Bewegung den Mufti 1945 als nominellen Vertreter der Palästinenser und Araber und forderte – erfolglos – seine Überstellung an den internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, als sei er ein maßgebliches Rad in der Völkermordmaschinerie der Nationalsozialisten gewesen. Al-Husseini wurde in einer solchen Vielzahl von Artikeln, Broschüren und Büchern öffentlich angeklagt, dass man tatsächlich annehmen könnte, der Mufti habe zu den Hauptkriegsverbrechern des Naziregimes gehört. Jedenfalls eignete sich seine Person sehr gut, um den Palästinensern eine Mitschuld am NS-Völkermord zuzuschieben und die Umwandlung ihrer Heimat in einen „jüdischen Staat“ zu rechtfertigen.

Beide Seiten bemühen den Nazivergleich

Diese Argumentation wurde zum festen Bestandteil im Diskurs des neu gegründeten Staates Israel. Sie erklärt auch, weshalb Jad Vaschem, die Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, dem Mufti so viel Bedeutung beimisst: Die ihm gewidmete Tafel, schreibt der israelische Historiker Tom Segev, versuche den Eindruck zu vermitteln, es bestehe eine Übereinstimmung zwischen dem nationalsozialistischen Völkermord an den Juden und der arabischen Feindseligkeit gegenüber Israel.7 Der US-Historiker Peter Novick hob hervor, dass der Eintrag über den Mufti in der „Encyclopedia of the Holocaust“, die in Zusammenarbeit mit Jad Vaschem herausgegeben wurde, wesentlich länger sei als die Artikel über Himmler, Heydrich, Goebbels und Eichmann und in seiner Ausführlichkeit nur – geringfügig – hinter dem Artikel über Hitler zurückbleibe.8

Mit dem Aufkommen des antiarabischen Rassismus und der neuen Islamfeindlichkeit seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wuchs auch die Zahl der Publikationen, die nachzuweisen versuchen, dass die Juden 1948 in Palästina vor der neuerlichen Gefahr eines Genozids standen: Waren die Araber nicht, dem Beispiel ihres Muftis folgend, vom selben Judenhass beseelt wie die Nazis – und sind sie es nicht noch heute? Und können unter diesen Umständen die Vertreibung der Palästinenser bei der Gründung Israels und die Repressionen, unter denen sie seither leben, nicht als reine Notwehr angesehen werden?

In der Masse der Publikationen fallen zwei Werke auf, die durch ihren seriösen Anstrich herausstechen, denn sie beruhen auf der Auswertung von NS-Quellenmaterial: Das eine stammt von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers,9 das andere von Jeffrey Herf.10 Allerdings sind alle drei Autoren mit der arabischen Welt sehr wenig vertraut und beherrschen die Sprache nicht. Unter dem Titel „Témoigner entre histoire et mémoire“11 gab die Fondation Auschwitz ein ausgezeichnetes kritisches Dossier über das Buch von Mallmann und Cüppers heraus. Darin schreibt Dominique Trimbur, das Werk folge offenbar „einem Trend der Geschichtsschreibung, der von einem bestimmten, nämlich dem zu Beginn des Jahrtausends herrschenden Zeitgeist geprägt ist […]. Die Beweisführung ist insgesamt wenig differenziert, vor allem wo es um ,die‘ Araber und ,die‘ islamische Welt geht: eine Gleichsetzung, die sich insbesondere in der Übernahme, ja stillschweigenden Aneignung des Begriffs ,Kampf der Kulturen‘ zeigt.“

Als Reaktion auf die von Tel Aviv betriebene Instrumentalisierung des Holocaust sowie zur Legitimation der palästinensischen Bestrebungen sind auf arabischer Seite zwei einander widersprechende Strömungen entstanden: einerseits der Vergleich zwischen der Politik Israels und dem Nationalsozialismus – das arabische Gegenstück zur israelischen Praktik, Palästinenser und Araber mit den Nazis zu vergleichen -, und andererseits die Leugnung des Holocaust.

Die eine Position hält den Nationalsozialismus für den Inbegriff des Bösen, die andere unterstellt, er sei weniger kriminell gewesen, als allgemein behauptet wird. Dass es viele Menschen in der arabischen Welt durchaus fertigbringen, diese widersprüchlichen Aussagen miteinander in Einklang zu bringen, macht eines deutlich: Es handelt sich dabei um den Versuch, das Unvermögen, auf reale Gewalt wirkungsvoll zu reagieren, mit symbolischer Gewalt zu kompensieren. Von dieser emotionalen, reaktiven Holocaustleugnung, die derzeit Konjunktur hat, versucht der iranische Präsident Ahmadinedschad zu profitieren, wenn er in Konkurrenz mit Saudi-Arabien um Sympathien des sunnitisch-arabischen Islams buhlt.

Tatsächlich ist es in der arabischen Welt nur eine winzige Minderheit, die sich ernsthaft und mit Kenntnis der Faktenlage dem pathologischen Diskurs der westlichen Holocaustleugner angeschlossen hat. Die große Mehrheit der arabischen Leugner hat andere Beweggründe, die mit Verbitterung zu tun haben. Darauf lassen die Meinungsumfragen unter palästinensischen Israelis schließen, die zweifellos die über den Genozid an den Juden am besten informierte arabische Bevölkerung darstellen, denn in den Lehrplänen des israelischen Erziehungsministeriums ist das Thema sehr präsent. Eine erste Umfrage, die 2006 von der Universität Haifa durchgeführt wurde, ergab zur allgemeinen Überraschung, dass 28 Prozent der arabischen Israelis den Holocaust leugneten – mit wachsendem Anteil, je höher das Bildungsniveau der Befragten war.12 Vor dem Hintergrund der gestiegenen Gewalt ergab die gleiche Meinungsumfrage zwei Jahre später sogar 40 Prozent Holocaustleugner.13 (Quelle: Le Monde diplomatique, via trend online)

  1. In jüngster Zeit (2008) bezeugte dies auf seine Weise der Animationsfilm „Waltz with Bashir“ von Ari Folman. []
  2. Zu den „neuen Historikern“ in Israel siehe Benny Morris (Hg.), „Making Israel“, Ann Arbor (University of Michigan Press) 2007, sowie Dominique Vidal und Sébastien Boussois, „Comment Israël expulsa les Palestiniens: Les nouveaux acquis de l’histoire“, Ivry-sur-Seine (Editions de l’Atelier) 2007.  []
  3. Zitiert von Dalia Shehori in „Post-Zionism Didn’t Die, It’s Badly Injured“, „Ha’aretz, Tel Aviv, 28. April 2004.  []
  4. Zur „Instrumentalisierung“ der Schoah in Israel siehe Tom Segev, „Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung“, Reinbek (Rowohlt) 1995, und Idith Zertal, „Nation und Tod. Der Holocaust in der israelischen Öffentlichkeit“, Göttingen (Wallstein) 2003.  []
  5. Antonio J. Muñoz, „Lions of the Desert: Arab Volunteers in the German Army 1941-1945“, New York (Axis Europa) 1997; Lukasz Hirszowicz, „The Third Reich and the Arab East“, London (Routledge & Kegan Paul) 1966; Belkacem Recham, „Les militaires nord-africains pendant la Seconde Guerre mondiale“, auf colloque-algerie.ens-lsh.fr/communication.php3?id_article=262.  []
  6. Ebenda.  []
  7. Segev, siehe Anmerkung 4. Auch Segev gehört zu den kritischen „neuen Historikern“ in Israel. Siehe auch Tom Segev, „Glaube, Kriege, keine Hoffnung“, „Le Monde diplomatique, Februar 2009.  []
  8. Peter Novick, „Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord“, Stuttgart (DVA) 2001. []
  9. Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers, „Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina“, Darmstadt (WBG) 2006.  []
  10. Jeffrey Herf, „Nazi Propaganda for the Arab World“, New Haven (Yale University Press) 2009. []
  11. Nr. 105, Oktober-Dezember 2009, S. 233-252. []
  12. Fadi Eyadat, „Poll: Over 25 percent of Israeli Arabs Say Holocaust Never Happened“, „Ha’aretz, 18. März 2007. []
  13. Ders., „Poll: Over 40 percent of Israeli Arabs Believe Holocaust Never Happened“, „Ha’aretz, 17. Mai 2009. []