Im Grunde war es ein Fehler, mich auf eine Diskussion um die Quellen für die Aussage von Alan Dershowitz, der Mufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini sei persönlich verantwortlich für die Ermordung von 4000 Kindern, überhaupt einzulassen. Abgesehen davon, dass ich Tilman Tarachs Buch besser nochmals ganz hätte lesen sollen (ich hätte mir dann einiges an Quellensuche erspart), ist Dershowitz ja nicht der Ausgangspunkt für eine solche Behauptung bzw. nicht alleine mit seiner Schuldzuweisung. Ich werde die Sache dennoch weiterverfolgen.

Vor allem aber geht eine solche Diskussion am eigentlichen Skandal vorbei, nämlich dass hier im Grunde eine Relativierung der Verantwortung der Nazis für die Ermordung vieler ihrer Opfer betrieben wird. Die Verfechter der These, es sei dem Mufti zuzuschreiben, dass Transporte Osteuropa nicht verlassen durften, versucht im Grunde nichts anderes, als die Schuld für die Ermordung von den Nationalsozialisten und den sie unterstützenden Regimen auf den Mufti Husseini abzuwälzen. Man muss sich doch fragen: Was für einen Grund außer ihren eigenen Vorteil hätten die Nazis denn haben können, die Kinder und deren Begleitungen auswandern zu lassen? Es gab ja Verhandlungen (Europa-Plan, „Blut-für-Ware“-Abkommen), die aber sicher nicht daran scheiterten, dass der Mufti einer Ausreise nicht zustimmte. Denn der Plan war, dass zum Beispiel im Falle des „Blut-für-Ware“-Abkommens die Juden Ungarns in alle von den Alliierten kontrollierten Gebiete ausreisen hätten sollen … außer Palästina.1 Die These von Leuten wie Tarach ist hingegen: Der Mufti trägt die Verantwortung dafür, dass die Nazis diese Menschen ermordeten, er verhinderte generell die Ausreise. Das ist in doppelter Weise absurd. Es entlastet den Täter und und verschiebt die Entscheidungshoheit auf Husseini. Aber ein Grund, warum denn die Nazis die Juden hätten ausreisen lassen, wird nicht genannt. Eine Maschinerie, die gerade dabei war 6 Millionen Juden und Millionen anderer zu vernichten, soll plötzlich nach dem Beginn der Massenvernichtung Kindern erlauben auszuwandern? Und das ohne Gegenleistung?

Die Frage drängt sich auf, ob hier nicht ein paar Leute ziemlich revisionistisch unterwegs sind. Wenn der Mufti gerade die Auswanderung nach Palästina verhinderte, was hätte dann die Nazis daran hindern sollen, diese Kinder nach Großbritannien, Schweden oder in die Schweiz ausreisen zu lassen? Der Mufti intervenierte dagegen, dass diese Kinder nach Palästina ausreisen dürfen. Aus den Briefen geht aber nicht hervor, dass die Deutschen den Kindern freies Geleit in ein beliebiges Land gewähren wollten und der Mufti jegliche Ausreise mit seiner Intervention verhinderte.

Ganz anders stellt sich die Sache jedoch bei unseren Freunden Alan Dershowitz und Tilman Tarach (sowie diversen anderen Kandidaten) dar. Hier kommen die Nazis mit ihren Entscheidungen, die Kinder zu ermorden, gerade mal noch als pro-arabische Erfüllungsgehilfen vor. Das ist der eigentliche Skandal und der revisionistische Kerngedanke hinter der These von der persönlichen Schuld Husseinis an der Ermordung tausender jüdischer Kinder: die Alleinverantwortung von den Deutschen (und ihren staatlichen Verbündeten) in die Hände eines Jerusalemer Großmuftis zu verlegen.

  1. Enzyklopädie des Holocaust, Band I, A-G, S.238: Brand, Joel []