Es ist schon wirklich bewundernswert, wie man die Realität auszuschalten vermag. Bestes aktuelles Beispiel ist Arthur Cohen in der Online-Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, dem inoffiziellen Propagandablättchen der israelischen Botschaft in Deutschland. Cohen, Filmemacher, rattert in seinem Artikel „Unter Dauerbeschuss – Gazakrieg und Siedlungspolitik“ mal eben den offiziellen israelischen Standpunkt zum letzten Massaker herunter. Da lohnt sich doch, diesen Artikel mal ein wenig näher zu betrachten:

In jüngster Zeit wirkte Israel international isoliert. Der Präsident der Jewish Agency, Natan Sharansky, betonte mir gegenüber, dass die Aggressivität antiisraelischer – und gleichzeitig meist auch antisemitischer – Stimmungsmache in vergangenen Jahrzehnten nie so intensiv gewesen war, wie es derzeit der Fall ist. Der Auslöser dafür ist zweifellos der Goldstone-Bericht über den Gazakrieg, in dem falsche Beschuldigungen (sic!) gegen Israel bei völliger Absenz (sic!) von nachweisbaren Fakten erhoben werden. Die Hamas verfolgte mit Absicht die Politik, Raketen aus dicht bevölkerten Gebieten abzuschießen, ihre Kämpfer in normaler Kleidung einzusetzen, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen und riesige Waffenmengen in Moscheen zu lagern. Keine dieser Aktionen löste eine Intervention der UN aus, deren sogenannte Menschenrechtskommission wiederum die Hälfte aller Sitzungen der vergangenen Jahre erschreckend einseitig Israel »widmete«.

Alles Lügen - weißes Phosphor wurde nie auf Zivilisten abgeschossen

Woher bezieht nun der Filmemacher Cohen seine eigenen Fakten? Wie Israel Phosphorgranaten auf urbanes Gebiet abgeschossen hat, lässt sich ja sogar auf Youtube nachverfolgen (hier nur ein Beispiel für viele). Wer vor knapp einem Jahr ein wenig Sitzfleisch besaß, der konnte dies sogar live vom heimischen Sofa aus ansehen. Nur zur Erinnerung: Weißes Phosphor wird wie Nebelgranaten dazu benutzt, Vormarsch oder Rückzug von Armeeeinheiten zu verschleiern, dem Gegner  also die Sicht zu nehmen. Die Anwendung über besiedelten Gebieten ist international geächtet. Zudem wurde es vor allem dort abgeschossen , wo weit und breit keine Verbände auftraten. Cohen sagt hier also, dass Goldstone lügt, dass die Fakten nicht nachweisbar sind. Lassen wir also Youtube als Beweismittel beiseite. Wie kann man also Fakten nachprüfen? Vor Ort war ja niemand, außer die Menschen in Gaza und die IDF-Angehörigen. Aber sehen wir uns doch einfach die Faktenlage an, wie sie von liberalen Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und israelischen Organisationen dargelegt werden. Haben sich alle gegen Israel verschworen? Nach Cohen müsste dem ja so sein. Alle lügen, außer der Staat Israel.

Es wirkt schon abstrus, dass Cohen hier wirklich jede Sauerei versucht zu rechtfertigen. Raketen wurden angeblich aus dicht bewohnten Gebieten abgeschossen, Zivilisten von der Hamas als menschliche Schutzschilde benutzt und Moscheen als Waffenlager missbraucht. Damit rechtfertigt sich dann folgendes: Wenn Raketen aus dicht besiedelten Gebieten abgefeuert wurden, dann dürfen wir die bombardieren (inkl. „nicht beabsichtigter Kollateralschäden“). Wenn Hamas-Kämpfer sich hinter Zivilisten verstecken, dann dürfen wir die Zivilisten töten, um die Hamas-Kämpfer zu töten. Wenn Moscheen als Waffenlager benutzt werden, dann dürfen wir gezielt die Türme der Moscheen beschießen. Fehlt nur noch der Mythos von den Krankenwagen, die Terroristen zum Einsatzort transportieren, um die Zerstörung von 27 Krankenwagen zu rechtfertigen (inklusive der Ermordung oder Verstümmelung des Personals). Alle diese Lügen wurden vielfach widerlegt. Sei es nun durch AI, Human Rights Watch, B’Tselem, den Goldstone-Bericht oder andere Organisationen wie Breaking the Silence. Und selbst wenn es Raketenabschüsse eben von den behaupteten Positionen gab, was ja durchaus vereinzelt vorstellbar wäre: würde es eine kollektive Bestrafung rechtfertigen? Ist man wirklich so zynisch, dass man den Terror einiger mit Vergeltung an allen hinnimmt?

So verhält es sich genau umgekehrt zu dem, was Cohen in seinem Artikel behauptet: Nicht Hamas-Kämpfer verschanzten sich hinter Zivilisten, sondern israelische Soldaten (wie schon oft zuvor von Menschenrechtsorganisationen beobachtet) benutzten palästinensische Zivilisten als Schutzschilde, 11 Menschen wurden erschossen, trotz dessen sie weiße Fahnen trugen. Andere wurden in ein Haus gesperrt und dieses dann zerstört. Und so weiter. Israel konnte keine einzige seiner Behauptungen beweisen. Immer wieder haben israelische Medien (wie z.B. Haaretz oder verschiedene israelische Menschenrechtsorganisationen) Lügen des israelischen Militärs widerlegt, die in bestimmten Fällen behaupteten, es wären Raketen von bestimmten Orten abgeschossen worden (Schulen, Krankenhäuser, UNO-Einrichtungen). Wenn die Lüge widerlegt war, dann wurde einfach geschwiegen und die nächste Lüge behauptet. Auch die Lagerung von Waffen in Moscheen (Achtung, Plural!) wurde bisher nur damit erläutert, dass es nach (!) dem Beschuss einer (!) Moschee zu einer zweiten Explosion in dieser kam. Eine einwandfreie Beweisführung. Damit ließ sich dann der wiederholte Beschuss und die Zerstöprung von Moscheen umfassend rechtfertigen.

Aber abgesehen von diesen dreisten Lügen kommt es ja noch besser. Nicht nur, dass Cohen die offene Annektion Ostjerusalems rechtfertigt, indem er den Ausbau von Siedlungen auf einem Gebiet befürwortet, dass international anerkannt dem zukünftigen Staat Palästina zugeschlagen wird, er den kommenden Konflikt mit dem Iran beschwört und  sich über diese Dreistigkeit des neuen amerikanischen Präsidenten echauffiert, der es

noch immer nicht für nötig befunden [hat], den Staat Israel zu besuchen, obwohl er schon in Ägypten, Saudi-Arabien und anderen arabischen Ländern war.

Es sind  wieder die Palästinenser, die ja keinen Frieden wollen. Ähnlich Alex Feuerherdt, der seine wilden Phantasien in der Konkret immer wieder ausleben darf, behauptet Cohen ernsthaft, dass eben nicht die Siedlungen und die Besatzung das Hindernis zum Frieden sind und zitiert dafür einen  Redakteur des Wall Street Journals:

»Die israelischen Siedlungen sind keineswegs das Problem«, betont Bret Stephens, Redakteur des angesehenen Wall Street Journal. »Das wesentlichste Problem besteht darin, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ein existenzieller Konflikt ist und kein territorialer.« Die Palästinenser aber sind anscheinend keineswegs willens, mit einem jüdischen Staat entlang des ihren zu leben.

Das verschlägt einem nur noch die Worte. 40 Jahre Besatzung, Folter, Landraub, Erniedrigung an Checkpoints, immer wiederkehrende Ausgangssperren, Erdrosselung der Wirtschaft, Hauszerstörung, Wasserraub, ein „jüdisches“ Straßennetz quer durch die Besetzen Gebiete, 450.000 Siedler inmitten einer palästinensischen unterdrückten Bevölkerung…das alles hat rein gar nichts mit dem Widerstand (so blutig und rassistisch der auch teilweise daher kommen mag) der palästinensischen Bevölkerung zu tun. Stattdessen wird der Kampf der Kulturen beschworen. Wie verrückt muss ein Mensch eigentlich sein, um diese Dinge einfach ausblenden zu können? Da kommen Erinnerungen an die europäischen oder amerikanischen Stalinisten der 30er auf, die zwar zu Hause die größten Verteidiger gegen Menschenrechtsverletzungen waren und Rassismus, Armut und Unrecht überall und mit großer Aufopferung bekämpften, aber mit Wissen um der blutigen Säuberungen in der stalinistischen Sowjetunion diese schön redeten, leugneten oder einfach rechtfertigten. Daher, lieber Arthur: bleib beim Filme machen. Und mach sie um Gottes Willen so unpolitisch wie möglich. Alles andere tut dem Verstand eines jeden einigermaßen hellen Menschen sehr, sehr weh.