Berlin: The radical left (scene) in Israel

Da ich in letzter Zeit nur unregelmäßig meine Mails abrufe (sehr zum Leid mancher Leute, bei denen ich mich wegen der späten Antworten entschuldigen muss), ist diese mir von mehreren Personen empfohlene Veranstaltung am Sonntag, den 7. Oktober, etwas untergegangen. Allerdings fragt man sich, wer sich diesen blöden Titel ausgedacht hat. Wer interessiert sich schon für die “Szene”, außer die “Szene”?

Sonntag, den 7.10.2012, 18.30 Uhr, Café Commune (Reichenberger Straße 157 in 10999 Berlin- Kreuzberg)

The radical left scene in Israel

Some in the German left attract attention for their unorthodox position of “supporting Israel”. But they tend to conceal to which Israel they actually want to address their solidarity. The conservative government currently in power? The right-wing settlers in the occupied territories? The now largely defunct peace movement? The recent mass protests for social justice? But even if they are prepared to concede that the country is no monolithic block, there is one political faction that they are used to willfully ignore: Israel’s own radical left. From the point of view of an Israeli who has lived there for more than 20 years, I will tell you about the political situation and its conflicts, the history of immigration, and the various left-wing groups trying to topple racism, war, and 45 years of occupation.

(The presentation is in English)

Die Veranstaltung wird unterstützt von der North-East Antifascists NEA.

 

Ashkenaz (Dokumentation)

Aschkenasim sind Juden aus Europa, sie sind die Weißen Israels. Wie die meisten Weißen in multikulturellen Gesellschaften betrachten sie sich selbst nicht als Ethnie, denn “sind wir nicht alle Israelis” inzwischen? Jiddisch wurde mit Hebräisch, die Religion wurde mit dem Säkularismus, die Tradition mit der Moderne ersetzt, Exil mit Souveränität, Landlosigkeit mit Besatzung, das Schtetl mit der Siedlung, die Ironie mit Zynismus und blasse Mädchen mit dunklen Locken mit gebleichten Blondinen mit einem Teint. Aber das Paradoxe am Weißsein in Israel ist, dass die Aschkenasim historisch nicht gerade “weiße Leute” waren. Als eine Geschichte, die im Rheinland beginnt und im Heiligen Land endet (oder ist es umgekehrt), schaut “Aschkenaz” auf Weiße in Israel und fragt sich: Wie sind die “anderen” Europas das “Europa” der anderen geworden?1

  1. Eigene Übersetzung des Ankündigungstextes auf der neuen Seite der Bay Area Mizrahi/Arab-Jewish Study Group []

Volker März: Israel hangs Kafka…

…and apologizes after change of government. An exhibition with various media formats at:

MEINBLAU

Christinenstraße 18/19, 10119 Berlin

25.8.–16.9.2012, Thursday – Sunday 2 – 7 pm

MEINBLAU invites you to the vernissage on Friday, August 24 at 7 pm

With various media formats such as paintings, texts, video and sculpture Volker März stages episodes of his fictional Kafka novel. Among the involved personal are people of philosophical, literary, political and historical background like Walter Benjamin, Hannah Arendt, Pina Bausch, Mahatma Gandhi, Benjamin Netanyahu etc. According to März’ narration Kafka had survived the tuberculosis and succeeded to row in a boat together with his ape Mr. Rotpeter to Palestine in 1924. Kafka started to make comments and tells us his thoughts and observations on the current situation in Israel until his hanging in 2010. After the hanging Kafka’s spirit continues to recognize the absurd reality in Israel marked by a colonial racism, a media machinery of anxiety and hate as well as an identity creating militarism. However the new government in Israel apologizes and intends to start with Kafka the first Jewish world revolution to enable men after all to live a life as human apes mocking the modern process of civilizing. In März’ humorous as well as angry narration Kafka after all continues his travel to South Africa to arrive at the end in the “new Germany” 2012.

It is März’ art to deal with explosive topics and generating them with various media formats to a complex narration.

For the finissage on Sunday, September 16 at 4 pm. Bernadette La Hengst
will give a live concert playing all Kafka popsongs written by Volker März.

www.meinblau.de
www.maerzwerke.de
www.lahengst.com

Besatzungmacht kritisieren

Ein südafrikanisches Ministerium rät Bürgern von Israel-Reisen ab. Die junge welt berichtet heute:

Erstmals hat Südafrikas Regierung am Dienstag in einer offiziellen Verlautbarung seine Bürger aufgefordert, nicht nach Israel zu reisen. Der Vizeminister für Internationale Beziehungen und Zusammenarbeit, Ebrahim Ebrahim, sprach von »einer Politik des Abratens, weil wir glauben, daß Israel eine Besatzungsmacht ist und in den besetzten Palästinensergebieten Dinge macht, die von der gesamten internationalen Gemeinschaft abgelehnt werden«. Er stellte zwar gleichzeitig klar, daß sein Land niemanden aufhalten werde, doch »wir raten ihnen davon ab«. Die Botschaft ist eindeutig: Die ANC-Regierung in Pretoria will Druck machen auf Tel Aviv, dessen Politik gegenüber den Palästinensern in der Kaprepublik bereits wiederholt mit der Unterdrückung während der Apartheid verglichen worden war.

Mit Besuchen von Südafrikanern in Israel würde »die Besetzung der Palästinensergebiete anerkannt werden, und wir glauben, daß eine Botschaft an die Israelis gesandt werden muß, daß sie diese Besatzung beenden müssen«, begründete Ebrahim den Schritt der Regierung.

»Die Katze ist aus dem Sack«, kommentierte Israels Botschafter in Südafrika, Dov Segev-Steinberg, die südafrikanische Entscheidung. Bereits Ende 2010 hatte der ehemalige Kapstädter Erzbischof Desmond Tutu das Ensemble der Oper seiner Stadt aufgefordert, eine geplante Israel-Reise abzusagen. »Nur die dickhäutigsten Südafrikaner würden sich dabei wohl, fühlen vor einem Publikum aufzutreten, das beispielsweise Menschen aus einem besetzten Dorf in der Westbank ausschließt, während es deren jüdische Nachbarn aus einer illegalen Siedlung auf besetztem palästinensischen Gebiet einschließt«, wetterte Tutu seinerzeit. Der Erzbischof war bereits vor Nelson Mandela für seinen Einsatz gegen die Apartheid mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden. Er hatte wiederholt das Engagement weißer, jüdischer Aktivisten gegen die Rassentrennung hervorgehoben, plötzlich stand er selbst am Pranger, mußte sich gar als »Fanatiker« bezeichnen lassen.

Die Ablehnung der israelischen Politik in der Palästinenserfrage ist in Südafrika seither ständig gewachsen. Die Universität Johannesburg beendete auf studentischen Druck eine Kooperation mit einer israelischen Hochschule. Im Mai dieses Jahres preschte schließlich Rob Davies, Handelsminister im Kabinett von Jacob Zuma, vor. Er forderte, Waren, die außerhalb der israelischen Grenzen von 1948 – also beispielsweise im Gazastreifen – produziert werden, müßten als »hergestellt in den besetzten palästinensischen Gebieten« deklariert werden. Davies wollte das zwar nicht als Boykottaufruf verstanden wissen. Sein Kabinettskollege Marius Fransman, zweiter Vizeminister für Internationale Beziehungen und Zusammenarbeit, redete allerdings offen von einer »Strategie, ökonomischen Druck auf Israel auszuüben«.

Eine weitere Nachricht vom Kap belegt, daß Südafrikas Regierung sich inzwischen in einer Position fühlt, in der sie sich solche Schritte erlauben kann. Am Dienstag gab das Land bekannt, 2013 erstmals das Jahrestreffen der BRICS-Gemeinschaft der wirtschaftlich stärksten Schwellenländer, der neben dem jüngsten Mitglied Südafrika Brasilien, Rußland, Indien und China angehören, auszurichten.

Eine Werbung und ihre Antworten

Eine Werbung

Bahnhof Chappaqua Metro-North, New York, 10. Juli 2012.

…und ihre Antworten:

Metro-North, New York

Werbung auf einem Bus in San Francisco

Was sollte man auch anderes antworten können, wenn Rechtfertigen nicht möglich ist.

“Israel und die Bombe” – Eine neue Rechtfertigung für den Sechstagekrieg

Vor einiger Zeit zeigte Arte in Koproduktion mit dem ZDF die Dokumentation “Israel und die Bombe – Ein radioaktives Tabu“. Darin zeichnet der Filmemacher Dirk Pohlmann nicht nur die Entwicklung der israelischen Atomwaffen nach, sondern malt auch ein Bedrohungsszenario für die  restliche Welt:  Unterstützt von Frankreich, Großbritannien und auch Deutschland bastelte Israel einige Jahre an seinen Atommeilern herum, um atomwaffenfähiges Material anreichern zu können. Im Jahre 1967 sei die erste Atomwaffe fertiggestellt gewesen. Die perfekte Abschreckung gegen jegliche Gegner, die vor haben könnten, Israels Existenz zu gefährden. Und gleichzeitig das Mittel, um jeden unnachgiebigen Gegner, weltweit, bedrohen zu können.

Eine ganz große Verschwörung

Aber weniger der aktuelle politische Konflikt mit dem Iran und die Undurchschaubarkeit der Atompolitik Israels – Grass lässt grüßen – weckte meine Aufmerksamkeit. Vielmehr war die Dokumentation gespickt mit Verschwörungstheorien und Andeutungen: der frischgebackene Präsident Frankreichs, General de Gaulle, hätte sich gegen einen konspirativ wirkenden “Club”  in den eigenen Reihen durchsetzen müssen, als er entdeckte, dass Frankreich atompolitisch eng mit Israel zusammenarbeitete und er dies daraufhin beenden wollte. Nach Kennedys Ermordung sei die amerikanische Zusammenarbeit mit Israel verstärkt worden: Kennedy hätte vor seiner Ermordung Israel noch jegliche Wirtschaftshilfe streichen wollen, während sein Nachfolger Lyndon B. Johnson sehr israelfreundlich gewesen sei. Und: Während des Sechstagekriegs hätten die USA sogar Kairo mit taktischen Nuklearwaffen angreifen wollen.1

Neben diesen Andeutungen und unterstellten Verschwörungen wird ganz am Rande aber auch eine neue Version der Rechtfertigung des Sechstagekriegs abgespult. Erinnern wir uns: Im Juni 1967 griff Israel präventiv, so heißt es, Jordanien, Syrien und Ägypten an und eroberte die Sinai-Halbinsel, Gaza, das Westjordanland inklusive Ostjerusalem und die Golanhöhen. Nachdem jahrzehntelang die populärwissenschaftliche Geschichtsschreibung behauptete, Israel habe sich nur präventiv gegen seine Vernichtung verteidigt, wurde dies nach Öffnung der IDF- und Staatsarchive vor allem durch die neuen Historiker grundlegend angezweifelt und widerlegt.2

Zeit für eine neue Rechtfertigung. Trotz der heute objektiveren Betrachtung dieses Konflikts schaffen es manche Propagandaschriften noch immer, hoch in den Bestsellerhimmel aufzusteigen, und werden sogar oft von Universitätsverlagen veröffentlicht oder durch den akademischen Betrieb gelobt. In der Dokumentation “Israel und die Bombe” kommen dann unter anderen auch die beiden Autoren Isabella Ginor und Gideon Remez zu Wort.  In ihrem 2007 erschienen Buch Foxbats over Dimona: The Soviets’ nuclear gamble in the Six-Day War behaupten sie, 1967 sei der Höhepunkt einer sowjetischen Verschwörung zur Zerstörung des israelischen Atomwaffenprogramms gewesen. Diese Verschwörung wäre der wirkliche Grund für den Sechstagekrieg. Aber nicht nur das. Auch die Araber, die Israelis und die USA hätten in den letzten 40 Jahren versucht, diese Verschwörung zu vertuschen.

Der sowjetische Plot

Das Hauptargument der beiden ist dann auch, dass die Sowjetunion in den 60ern panisch darüber wurde, Israel könne atomwaffenfähiges Material in ihrem Reaktor Dimona produzieren. Es habe den Sowjets und ihren arabischen Verbündeten jedoch an einem legitimen Grund gefehlt, Israel angreifen zu können und das Atomwaffenprojekt zu zerstören. Die Sowjets hätten daher gewollt, dass Israel zuerst die arabischen Staaten angreife, damit diese und die UdSSR dann in einem Gegenangriff den Reaktor zerstören könnten. Weil Israel der Aggressor gewesen wäre, hätte die USA dann still halten müssen. Alles lief nach Plan. Aber am 5. Juni vereitelte Israels Überraschungsangriff jede Möglichkeit, das Unternehmen erfolgreich zu beenden. Israel hatte sich  gemäß der beiden Autoren demnach nur gegen die UdSSR und die arabischen Staaten gewehrt, als es Ägypten, Syrien und Jordanien angriff.

Eindeutige Beweise bzw. “smoking guns”, wie die sie es selbst nennen, haben die beiden Autoren indes nicht. Sie interpretieren und kontextualisieren nach eigener Aussage lediglich Indizien, um die Theorie über eine sowjetische Verschwörung zu stützen. Man merkt schon: da kommt eine strenge Beweisführung auf einen zu. Auffällig sei, so Norman Finkelstein, dass keiner der Beteiligten, weder die Araber nach dem gescheiterten Plot noch ehemalige sowjetische Kommunisten nach 1989, als die Sowjetunion implodiert war, hervortrat und diese Verschwörung offenlegten Auch bringen die beiden Autoren keinen Grund, warum Israel und die USA diese “Verschwörung” bis heute decken sollten.

Finkelstein widmet sich in seinem neuesten Buch Knowing too much – Why the American Jewish Romance with Israel Is Coming to an End3 in mehreren Kapiteln aktuellen pro-israelischen Propagandaschriften, die gänzlich dem Stand der Wissenschaft widersprechen. Neben Publikationen von Michael Oren, dem israelischen Botschafter in Washington4, Dennis Ross, dem ehemaligen Chefunterhändler der USA im Nahen Osten5, und anderen, nimmt er sich in einem kürzeren Kapitel auch das Werk von Remez und Ginor vor und stellt das Ergebnis sogleich voran: Nicht einen Beweis könnten die beiden Autoren für ihre Behauptung vorbringen.6

Leere Fußnoten

Beispiele für die “Kontextualisierung” der beiden Autoren bringt Finkelstein en masse:  Da Kommunisten immer das Gegenteil von dem meinen, was sie sagen, musste die Aussage des Außenministers Andrei Gromyko an die Adresse Abba Ebans sehr ernst genommen werden: “Weil Israel nicht vor hat, die UdSSR zu umzingeln, hat die UdSSR keinen Grund, Angst vor Israel zu haben oder Feinschaft gegenüber Israel zu hegen.”

Schritt für Schritt dekonstruiert Finkelstein das Buch der beiden Autoren Ginor und Remez.7 Der Beweis für die sowjetische Verschwörung, so die beiden, sei vor allem, dass es keinen Beweis gebe. Gerade so sensible militärische und politische Entscheidungen würden sich in keinen Dokumenten wiederfinden. Zurecht fragt Finkelstein, warum sie nicht einfach leere Blätter als Fußnoten angegeben haben.

Nachdem 1966 eine radikale Fraktion in Syrien die Macht übernommen hatte, hätte Syrien auf Geheiß des Kreml Israel der Aggression beschuldigt, um einen eventuellen militärischen Konflikt zur Beendigung des israelischen Atomwaffenprogramms zu nutzen. Die Realität sah jedoch genau so aus, wie von Syrien behauptet. So zeigte neben vielen anderen8 der israelische Militäranalyst Zeev Maoz, dass Israels andauernden Grenzüberschreitungen und Angriffe auf syrisches und jordanisches Territorium den Konflikt, der im Sechstagekrieg mündete, maßgeblich anheizte.

Im April 1967 kam es zu einem weiteren Grenzkonflikt zwischen Israel und Syrien, bei dem Israel sechs syrische MiGs abschoss und israelische Kampfflugzeuge über Damaskus kreisten. Laut den beiden Autoren sei dies alles durch die Sowjets initiiert worden. Nach Aussage Moshe Dayans wurden solche Grenzkonflikte, die in diesem Fall in einem Luftgefecht endeten, jedoch routinemäßig durch Israel veranlasst.9 Schon im Mai 1967 wollte Israel Syrien angreifen10, die Sowjets bekamen jedoch Wind von diesem Plan und warnten Ägypten und Syrien. Infolgedessen waren die Zeitungen in den USA und Europa voll von Artikeln über die israelischen Drohungen gegen Syrien.11 Die Frage war also nicht, ob Israel Syrien angreifen würde, sondern wann.

Worauf sich alles stützt

Ihr Hauptaugenmerk richten die beiden Autoren in ihrem Buch auf angebliche Spionageflüge der Sowjets über der Atomanlage Dimona. Diese Behauptung wird dann von Pohlmann kritiklos in der Dokumentation “Israel und die Bombe” reproduziert. Kurz vor Ausbruch des Kriegs hätten sowjetische MiG-25, sog. “Foxbats” (dt.: Fuchsfledermäuse) die israelische Atomanlage überflogen. Diese Spionageflüge würden die Theorie der sowjetischen Verschwörung stützen. Denn sie hätten die UdSSR nicht mit Informationen versorgen,12 sondern laut der Autoren Israel so sehr provozieren sollen, dass es endlich einen Präventivangriff starten würde. Seltsamerweise jedoch wisse Israel bis heute nichts von den Flügen, da der Kreml dies erfolgreich geheim gehalten habe. Aber was nicht bekannt gewesen ist, konnte doch auch nicht provozieren, oder?

Doch angenommen, solche Flüge hätten Israel tatsächlich provozieren können: Haben sie überhaupt stattgefunden? Die beiden Autoren fokussieren sich auf den sowjetischen Piloten Aleksandr Vybornov. Dieser sei vom Kreml abgestellt worden, um die Intervention gegen Israel zu führen. Er soll auch eine der Foxbats über Dimona geflogen haben, die die Krise zum Überkochen bringen sollten. Das Problem dabei ist nur, dass Vybornov erst nach dem Krieg in Ägypten eintraf. Es ist zwar bekannt, dass sowjetische Piloten nach dem Sechstagekrieg 1967 in Ägypten stationiert wurden und an Missionen teilnahmen. Es gibt jedoch bisher keinen Beweis, dass dies auch schon vor dem Ausbruch des Kriegs geschah.

Vybornov soll laut Remez und Ginor den israelischen Angriff auf die ägyptische Luftwaffe selbst miterlebt und darüber hinaus über seine dortigen Erfahrungen, die zum Krieg im Juni 1967 führten, mit einem amerikanischen und einem israelischen Offizier gesprochen haben. Beide “Zeugen” (ein amerikanischer Oberstleutnant und ein israelischer Brigadegeneral) konnten die Behauptung jedoch nicht stützen. Der Israeli Nachumi mailte Finkelstein, dass er zwar mit Vybornov gesprochen habe, aber nicht über den Sechstagekrieg. Und der Amerikaner McFarland gab gegenüber Finkelstein an, dass er sich nicht daran erinnere, über welche Zeit (vor oder nach dem Juni-Krieg) Vybornov gesprochen habe.

Wichtiger jedoch ist, dass Vybornov selbst alle Behauptungen der beiden Autoren widerlegt, indem er 2008 gegenüber Finkelstein angab, dass er an keiner Mission vor dem Krieg im Juni 1967 beteiligt war; dass weder er und noch ein anderer sowjetischer Pilot eine MiG über Dimona geflogen habe; dass er kein Augenzeuge eines israelischen Angriffs auf ein ägyptisches Flugfeld gewesen sei und dass er selbst erst im Juli 1967 nach Ägypten kam, um ägyptische Piloten darin auszubilden, MiG-17, MiG-21 und Su-7 zu fliegen.

Nur mies recherchiert?

Angeblich wüssten sowohl auch die USA von den sowjetischen Überflügen, aber auch sie habe bis heute nie einen Ton darüber verloren. Die These des gesamten Buches stützt sich aber gerade auf diese Spionageflüge, die anscheinend nie stattfanden. Sogar eine amphibische Invasion und einen Nuklearschlag soll die UdSSR gegen Israel geplant haben. Ja selbst der israelische Angriff auf die U.S.S. Liberty soll Fingerabdrücke der UdSSR besitzen. Und so geht die Behauptung, Israel habe mit dem Sechstagekrieg lediglich auf eine sowjetische Bedrohung gegenüber dem israelischen Atomwaffenprogramm reagiert, unhinterfragt in die Dokumentation “Israel und die Bombe” ein. Wieder einmal haben Arte und die ZDF-Reihe History gezeigt, wie seriös sie sein können.13

http://www.youtube.com/watch?v=46YHQUW11fA

 

  1. Ich will nicht behaupten, dass die Fakten und Behauptungen gänzlich unrichtig sind. Es mag durchaus viel Wahrheit an den Beispielen und behaupteten Ereignissen sein. Die Hintergrundstory zu den Atomwaffen selbst mag durchaus korrekt sein.  Aber darum soll sich dieser Beitrag hier auch nicht drehen. []
  2. Vgl. dazu Tom Segev: 1967 – Israels Zweite Geburt und Benny Morris: Righteous Victims – A History of the Zionist-Arab Conflict, 1881 – 2001. []
  3. Die Kernaussage des Buches ist, dass die überwiegend liberalen amerikanischen Juden sich immer weiter von Israel wegbewegen, weil sie die aggressive Innen- und Außenpolitik des Staates – insbesondere den Siedlungsbau und die Menschenrechtsverletzungen vor allem gegen die Palästinenser – nicht mehr rechtfertigen können und wollen. []
  4. Michael Oren – Six Days of War: June 1967 and the making of the modern Middle East []
  5. Dennis Ross – The Missing Peace: The inside story of the fight for Middle East peace []
  6. Norman G. Finkelstein: Knowing too much – Why the American Jewish Romance with Israel Is Coming to an End – Kapitel 8, Seite 183 – 201. []
  7. Es wäre müßig, jede einzelne Aussage der beiden und deren Widerlegung aufzuschreiben, darum bleibe ich bei den Kernpunkten. []
  8. Zu nennen wäre hier auch  der ehemalige Außenminister Shlomo Ben-Ami []
  9. Maßgeblich für die Eskalation war auch ein völlig unverhältnismäßiger israelischer Angriff auf das jordanische Dorf Samua im November 1966, bei dem 18 jordanische Soldaten und Zivilisten getötet und 125 Häuser des Dorfes gezielt zerstört wurden. Und das alles trotz der streng verfolgten jordanischen Politik, palästinensische Kämpfer vom Übertritt der Grenzen abzuhalten. []
  10. Auch hier kam es zu immer heftigeren Kämpfen vor allem in der demilitarisierten Zone, da Israel vielfach versuchte, die Zone zu entvölkern und dann die Grenze zu eigenem Gunsten neu zu ziehen. []
  11. Vgl. u.a. die Titelseite der New York Times vom 12. Mai 1967: “Israel erwägt Militärschlag gegen Syrien”; Le Monde schrieb in einem Leitartikel, es sei “nur eine Frage der Zeit”, bis Israel Syrien angreife. []
  12. Nach Aussage der Autoren waren die Sowjets durch ihre Spione völlig im Bilde, was in Dimona abläuft. []
  13. Zur Ehrenrettung des Filmemachers Pohlmann muss gesagt werden, dass nicht nur er da einem riesigen “hoax” auf den Leim gegangen ist. Finkelstein bringt zur Belustigung der Leser am Ende des Kapitels ein Dutzend Kurzrezensionen – von Lawrence Freedman (Foreign Affairs) über Daniel Pipes (New Yorks Sun) oder Mark N. Katz (Middle East Journal) bis Benny Morrris (New Republic) – die alle das Buch in höchsten Tönen loben…was kein gutes Licht auf die Lobenden wirft. []

Tikkun Special: Pinkwashing

Die US-amerikanische Zeitung Tikkun bringt ein exzellentes Special zu dem momentan im Zuge des CSD auch hierzulande diskutierten Thema “Pinkwashing”. Eine ähnliche Debatte wäre auch hierzulande angebracht. Begonnen hat sie die taz, es wäre jedoch Zeit, dort auch dissidente Stimmen zu Wort  kommen zu lassen. Die ausgetauschten Argumente sind die gleichen: Ob in Israel, Deutschland oder in den USA. Die Debatte besteht aus mehreren Teilen, die wichtigsten dabei sind:

“Boycotting Equality Forum’s Israeli Sponsorship” – Rabbi Rebecca Alpert und Prof. jur. Katherine Franke berichten, warum sie ihre Teilnahme an dem durch Israel gesponserte “Equality Forum” absagten.

“U.S. Gay Rights Activists: Stop Pinkwashing Palestinian Suffering!” – Richard Silverstein berichtet umfassend über die politischen Hintergründe des Boykotts,  die Zusammenarbeit israelischer staatlicher Institutionen mit schwulenfeindlichen Christen und den Versuch, jeglichen Protest gegen die Instrumentalisierung von LGBT-Rechten als “anti-israelisch” darzustellen.

“An Inconvenient Truth: The Myths of Pinkwashing” – Arthur Slepian, einer der Gründer der pro-israelischen LGBT-Gruppe “A Wider Bridge” versucht, Pinkwashing als Mythos zu entlarven (was ihm nicht so recht gelingt).

“The Greater Context of the Pinkwashing Debate” – Die Professorin Katherine Franke antwortet auf Slepian zeigt auf, dass es nicht um die LGBT-Rechte in Israel, sondern um deren Instrumentalisierung geht und dass das Phänomen Pinkwashing bzw. Homonationalismus nicht nur Israel betrifft.

“Revealing the Truth Behind the Rainbow: Seattle’s Anti-Pinkwashing Success” - Wendy Elisheva Somerson beleuchtet die Kampagne “Brand Israel” etwas näher, zeigt, warum die Einladung der israelischen LGBT-Gruppen in Seattle (als der Anlass der Debatte) zurückgezogen wurde und greift dabei Slepians fünf “Mythen” an.

 

 

Israelisches Olympiateam: 100% arabfree

Bei 20% Anteil an der Bevölkerung stellen die israelischen Palästinenser bei den Olympischen Spielen in London 2012 genauso so viele Sportler: 0

Und das seit acht Olympiarunden. Bei 19 Teilnahmen an den  Spielen mit 338 Sportlern waren ganze zwei (!) israelische Palästinenser darunter: Der Fußballer Rifat Turk (Montreal, 1976) und der Gewichtheber Edward Maron (Rom, 1960). Das ist aber sicherlich alles nur reiner Zufall. Liegt bestimmt am fettigen Essen.

Vice: Abtrünnige jüdische Siedler

Der Onlineauftritt des Vice Magazins hat in den letzten Tagen eine mehrteilige Story über “die härtesten Hausbesetzer der Welt im Westjordanland” gebracht. Zwar unterschlägt die Dokumentation mit dem seltsamen Namen “Abtrünnige jüdische Siedler”1 ganz Ostjerusalem mit seinen fast 200.000 im palästinensischen Teil lebenden Siedler bzw. erwähnt sie ganz am Ende nur in einem Nebensatz.  Auch widerspricht sie manchmal nur vage einigen Aussagen der radikalen Siedler wie z.B., dass die Zerstörung palästinensischer Häuser eine legitime Bestrafung für Terrorismus sei.2 Bemerkenswert jedoch ist, dass ein internationales, mehrsprachiges Mainstreammedium einen solch kritischen Bericht über die Siedlungsaktivitäten des israelischen Staates und seiner radikalen Siedler bringt, der sich klar gegen den Siedlungsbau positioniert und dabei auch die palästinensische Seite zu Wort kommen lässt.  Ein Ausdruck des wachsenden Unbehagens im US-amerikanischen Raum über die Realität der israelischen Politik?

  1. Engl. Titel: Renegade Jewish Settlers []
  2. Wobei selbst die Praxis, nur Häuser von vermeintlichen oder wirklichen Terroristen zu zerstören, immer noch eine abzulehnende Kollektivbestrafung der betroffenen Familien wäre. []

Berlin: Homonationalism and Pinkwashing

Homonationalism and Pinkwashing- Lecutre and Discussion in Südblock (U-Bhf Kottbusser Tor) at 18:00, Monday the 30th of July.

Due to the heated debates and the requests of many who couldn’t make it last time, we will be offering another workshop about Homonationalism and Pinkwashing.

Homonationalism and Pinkwashing are both terms used to describe liberal mechanisms which exploit the achievements of the LGBT rights movement and use them to advance nationalist agenda. Homonationalism is a discourse used by some Western countries to determine their sense of difference from and supremacy over countries in the global East and South while using gay rights and lifestyle achievements as a main argument for their sense of supremacy and nationalism. Pinkwashing is an organized attempt to conceal systematic human rights violations or even apartheid conducted by a country by refocusing international attention to its relatively-lax gay scene and lifestyle and internationally re-branding the country and its image based on those. Germany is a leading country associated with Homonationalism. Pinkwashing is a term that is synonymous with Israel.
This presentation will focus on homonationalistic discourses in different countries and in Germany in particular, and will then analyse the Israeli pinkwashing campaign, its effect on the LGBT communities in Israel-Palestine, and on the role that Germany and German LGBT communities play in perpetuating pinkwashing and homonationalism within and without its national borders.

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt, eine Simultanübersetzung wird angeboten.

(Der Veranstaltungshinweis erreichte mich via Mail.)


Zitat des Monats

“Schwerster Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust” (Rabbi Goldschmidt über das Kölner Beschneidungsurteil). Jungle World, übernehmen sie!

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Noteworthy

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Moshe Zuckermann über das Umschlagen eines emanzipatorische Impulses in sein schieres Gegenteil: “Verquere Debatten – Wider den Zeitgeist. Über Juden, Deutsche, den Nahostkonflikt und Antisemitismus”junge welt, 10. Oktober 2012.

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Leute wie Samuel Salzborn oder die Meute von der Jungle World mögen Linke oder Kommunisten jüdischer Herkunft nur, wenn sie unter der Erde liegen. Ansonsten schweigen sie sich über diese aus oder beschimpfen sie auch des öfteren als Antisemiten.

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Eine gute Übersicht über die Sackgasse Zweistaatenlösung und UN-Anerkennung: “Die palästinensische Autonomiebehörde steckt in der Falle”taz, 28. September 2012.

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Tsafir Cohen rezensiert eines »der bedeutendsten Bücher über Israel/Palästina in dieser Generation« (New York Review of Books), herausgegeben von der israelischen Organisation “Breaking the Silence”: “Das Schweigen brechen”junge welt, 11. September 2011.

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Was machen und wie geht es palästinensischen Flüchtlingen in Syrien? Einen kurzen Überblick gibt Fabian Köhler: “Krieg in der Diaspora – Auch Syriens Palästinenser wollen kämpfen, aber nicht gegen Assad”Neues Deutschland, 15. August 2012.

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